Frankfurts Vergangenheit.

Wir begrüßen es dankbar, daß Frankfurt die Stätten der Erinnerung an seine frühere Größe und Bedeutung so treu bewahrt hat, daß wir heute noch aus dem Kaisersaal ([Abb. 5]) auf den Römerberg, den wichtigsten Platz im alten Stadtteil, hinabschauen können, wie es der neugewählte Kaiser tat, wenn er sich nach beendetem Festmahl auf dem Balkon der festlich versammelten Volksmenge zeigte. In dem angrenzenden Wahlzimmer, das die Kurfürsten zu ihren Vorberatungen benutzten, während der eigentliche Wahlakt in der Wahlkapelle des Domes stattfand, hält noch heute der Magistrat der Stadt Frankfurt seine Sitzungen ab. Der Kaisersaal wurde 1411 vollendet und 1838 bis 1853 neu hergestellt. Er ist mit dem überlebensgroßen Bilde Karls des Großen, den Brustbildern der übrigen Karolinger und den großen Kaiserbildern von Konrad I. (911 bis 918) bis Franz II. (1792 bis 1806), mit dem die Herrlichkeit des alten Deutschen Reiches aufhörte, geschmückt. Das Wahlzimmer wurde 1731 bis 1732 umgebaut. 1896 bis 1898 wurde das Haus zum Römer ([Abb. 6]), das diese historisch denkwürdigen Räume enthält, nebst zwei angrenzenden Häusern mit einer neuen, etwas zu gleichartigen spätgotischen Fassade in hoher Giebelform versehen. Die drei Häuser liegen in einer Gruppe von zwölf Häusern, die man heute insgesamt mit dem Namen „Römer“ zu bezeichnen pflegt. Von den übrigen, zum Teil sehr eigenartigen Gebäuden verdienen besonders das Haus Frauenstein, das eine bemalte Fassade im Stil des achtzehnten Jahrhunderts hat, und das neben ihm an der Ecke der Wedelgasse gelegene Salzhaus ([Abb. 7]), dessen schmaler Giebel ganz aus Holz geschnitzt ist, genannt zu werden. Vom Römerberg, auf dem, wohl auf die Kaiserwahl hindeutend, der Justitiabrunnen steht, lenken wir unsere Schritte durch eine Straße, die den Namen Markt führt, zum Dom hin. Es ist ein historischer Weg, den wir schreiten. Im Geiste sehen wir den Zug der Kurfürsten sich zur Wahlkapelle im Dom bewegen und grüßen den neuen Kaiser, dem die festliche Menge zujubelte. Dieses Zurückschweifen in vergangene Zeiten wird uns leicht, ja zum Bedürfnis beim Anblick der altertümlichen Häuser, die links und rechts vom Markt noch stehen blieben als stumme Zeugen jener Geschehnisse, dort rechts das Eckhaus „Zum großen Engel“, das aus dem Jahr 1562 stammt und halb im gotischen, halb im Renaissancestil erbaut ist, links ein burgartiges Gebäude, genannt das „Steinerne Haus“, das schon 1464 errichtet wurde und mit Fries, Ecktürmchen und Madonnenstatue geschmückt ist, dann wieder rechts der Tuchgaden, wo die Frankfurter Metzgerzunft, alter Überlieferung gemäß, dem nach der Krönung vorüberziehenden Kaiser den Ehrentrunk darbringen durfte.

Abb. 22. Haus „zum Boderam“ am Markt in Mainz. (Zu [Seite 31].)

Frankfurt.

An dem Dome ([Abb. 8]) fällt uns besonders das unverhältnismäßig weit vorstehende Querschiff auf. Das kurze, dreischiffige Langhaus, ein gotischer Hallenbau, stammt aus den Jahren 1235 bis 1239. Die übrigen Teile des Bauwerks sind alle jünger, meist aber, wie auch das Langhaus selbst, Erneuerungsbauten älterer Gebäudeteile. Schon 870 ließ Ludwig der Deutsche an derselben Stelle eine Kirche, die er als Salvatorkirche weihen ließ, erbauen. Dieselbe wurde 1239 nach dem Umbau, von dem das Burghaus herrührt, dem heiligen Bartholomäus geweiht. Die Wahlkapelle stammt aus dem Jahre 1355. Am 15. August 1867 wurde der Dom durch Feuer stark beschädigt. Bei der Wiederherstellung erhielt auch der bis dahin unvollendete Turm seine eigenartige Bekrönung, eine achtseitige Kuppel, die in eine Spitze ausläuft, wie es ein alter Entwurf zeigte.

Abb. 23. Gymnasium in Mainz. (Zu [Seite 32].)

Beim Anblick dieser alten Gebäude in der enggebauten Altstadt kommt uns deutlich zum Bewußtsein, was Frankfurt in politischer Hinsicht dem früheren Deutschen Reiche gewesen ist. Die Stadt, die die deutschen Kaiser aus ihren Mauern hervorgehen sah, schenkte dem deutschen Volke auch den größten Dichter. Im „Großen Hirschgraben“ steht, vom Roßmarkt schnell zu erreichen, das Goethehaus ([Abb. 9]). Es ist ein für frühere Zeiten stattliches Gebäude, aus dem Erdgeschoß, zwei etwas vorgebauten Stockwerken und einem aufgesetzten Giebelhaus bestehend. Tausende Besucher aus allen Ländern der Erde durchwandern alljährlich diese durch einen großen Geist geweihten Räume, in denen der Dichter seine glückliche Jugendzeit verlebte und die ersten Werke schuf, die ihn so früh berühmt machten. Aus „Dichtung und Wahrheit“ sind wir mit den inneren Räumen schon ziemlich vertraut. Es ist das Verdienst des „Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen Vereinigung, daß das denkwürdige Haus uns als ein deutsches Nationalheiligtum erhalten blieb. Dasselbe wurde seit seiner Neugestaltung im Jahre 1884 stilgemäß wie zu Goethes Jugendzeit wieder eingerichtet. Alles heimelt uns so merkwürdig an. Nun erst glauben wir dem großen Dichter näher zu sein. Wir schauen in das Antlitz des strengen Vaters und der ebenso lebensfrohen als lebensklugen Mutter, der Frau Rat, aus deren Munde wir die Worte zu vernehmen glauben, „daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von ihr weggegangen ist, wes Standes, Alters und Geschlechtes sie auch gewesen sei“. Sie war der gute Schutzgeist des Goetheschen Hauses. Es war ein schöner Gedanke, der bei den großen Festlichkeiten, die bei Gelegenheit des 150. Geburtstages des Dichters veranstaltet wurden, auftauchte, auch der herrlichen „Frau Rat“ ein Denkmal zu setzen, nachdem ihrem großen Sohne auf dem benachbarten Goetheplatze schon 1844 ein solches ([Abb. 10]) errichtet worden war. Die Frankfurter Bürgerinnen, die deutschen Frauen griffen ihn mit Begeisterung auf, im stillen flossen die Mittel und bald kann an seine Verwirklichung gedacht werden. Durch eine solche Ehrung wird sich die deutsche Frauenwelt selbst ein Denkmal setzen. Wenn wir den Hof des Goethehauses durchschreiten, gelangen wir zu einem Neubau, in dem 1897 das Goethemuseum eröffnet wurde.

Das neuere Frankfurt blüht mächtig wieder auf. Die letzte Volkszählung ergab eine Bevölkerung von rund 340000 Einwohnern. Noch immer ist die Stadt einer der bedeutendsten Handelsplätze Deutschlands, besonders ein wichtiger Geldmarkt ([Abb. 11]). Ein lebhafter Verkehr flutet durch die Zeil, die Hauptgeschäftsstraße Frankfurts, und prächtige Schauläden locken unsere Augen. Die Fortsetzung der Zeil bildet nach der einen Seite hin die Neue Zeil, nach der anderen, vom Roßmarkt ab, die schöne Kaiserstraße, die zum Hauptbahnhofe hinführt. Prächtig sind auch die Anlagen, die an Stelle der früheren Festungswerke getreten sind. Ihnen folgend, gelangen wir an dem schönen Eschenheimer Turm ([Abb. 12]) vorbei zu dem großartigen Opernhause ([Abb. 13]). Mehr lockt den Fremden wohl noch der berühmte Palmengarten ([Abb. 14]), der weiter außerhalb seitwärts von der Bockenheimer Landstraße liegt. Hinter dem großen, am Eingang gelegenen Blumenparterre, auf dem vom zeitigen Frühjahr an bis in den späten Herbst hinein ein ununterbrochener Blumenflor in kunstreichen Zeichnungen und vielfarbigen Mustern einen entzückenden Anblick darbietet, erhebt sich das im Jahre 1879 in deutschem Renaissancestil erbaute Gesellschaftshaus, in dem täglich zweimal Konzerte der Palmengarten-Kapelle stattfinden. Unmittelbar an das Gesellschaftshaus, nur durch große Glasscheiben getrennt, schließt sich das Palmenhaus ([Abb. 15]) an. Eine ideal aufgebaute tropische Landschaft zeigt sich unserem überraschten Auge. Wir bewundern die stolzen Palmen, die malerisch hängenden Farnkräuter und nicht weniger den so frischgrünen eigenartigen Rasen. Wenn sich das abendliche Halbdunkel in diesen seltsamen Raum schleicht, so fühlen wir uns, traumverloren auf einer Bank sitzend, in eine andere Welt versetzt, in die bisher nur die Phantasie uns trug. Plötzlich zuckt das elektrische Licht hell auf, und ein neuer magischer Zauber durchdringt den Raum. Seltsam stehen die Pflanzengestalten da, und eigenartige Schattenbilder decken den Boden. Dieser Tropentraum ist mit das Schönste, das Frankfurt uns mitgibt auf den weiteren Reiseweg.