III. Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus.
Die nördlichen Gegenden der Oberrheinischen Tiefebene, deren unterster Schlußteil das fruchtbare Mainzer Becken bildet, „behaupten,“ so sagt Kutzen, „vor den meisten Abschnitten unseres Vaterlandes, ja vor den meisten Flußtalstücken unseres ganzen Erdteils den Vorrang. Während zweier Jahrtausende waren sie ein Hauptschauplatz weltgeschichtlicher Ereignisse und insbesondere auch der Entwicklung des deutschen Volkes; denn gerade hier tummelten sich von jeher die Eroberer und Völker, von den Zeiten Ariovists und Cäsars bis zu dem Cäsar der Neufranken und seinen Gegnern. Kelten und Germanen, Römer und Hunnen, Schweden und Spanier, Russen und Franzosen versuchten sich hier gegeneinander und düngten mit ihrem Blute das Land, das, oft verwüstet, immer wieder zu neuer Blüte sich erhob. Hier gingen bei weitem die Mehrzahl der großen weltgeschichtlichen Völkerzüge über den Rhein und ließen ihre Spuren zurück, wie auch das herrliche Land selbst stets der Zankapfel der Völker war. An diesen Rheinufern blühten die Reiche der Burgunder und Nibelungen auf und später Deutschlands schöne Pfalzgrafschaft. An ihnen wuchsen jene Städte des Reiches, die Blüte deutschen Lebens, in deren Mauern entscheidende Reichs- und Kirchenversammlungen gehalten, Kaiser gewählt, gekrönt und in die Gruft gesenkt, Künste und Wissenschaften gepflegt, bedeutsame, ja auf die ganze Zivilisation umgestaltend einwirkende Erfindungen, z. B. die Buchdruckerkunst in Straßburg und Mainz, gemacht und Handelsgeschäfte im großartigsten Maßstabe gehandhabt wurden. Noch stehen als Zeugen einer gewaltigen Vergangenheit die hohen Dome und ragen mit ihren Türmen und Zinnen ehrfurchtgebietend ins weite Land hinein, von Berghöhen schauen ernste Ruinen zur Ebene herab und reden von dunklen Sagen uralter, kaum zu ergründender Tage oder von jener großen Zeit, wo die Gaue des Oberrheins noch der Mittelpunkt des Deutschen Reiches waren, wo sich alle Macht und Kraft, aller Reichtum, alle Kunst des germanischen Volkes hier konzentriert hatte. Das alles ist anders geworden; aber das schöne Land ist geblieben, um so inniger umschweben jene Erinnerungen den Wanderer und erhöhen sein Interesse für dasselbe.“
Abb. 19. Der Dom in Mainz, vom Markt gesehen. (Zu [Seite 30].)
Abb. 20. Der nördliche Kreuzarm des Mainzer Domes. (Zu [Seite 30].)
Frankfurts Lage.
Unter den oberrheinischen Städten, die die Wiege großer Zeitereignisse waren und in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten, ragen noch heute besonders zwei hervor: Frankfurt am Main und Mainz. Zwar liegt Frankfurt, wo wir unsere Wanderungen durch das Land am Rhein beginnen wollen, abseits von diesem Strome. Aber an allen Vorteilen, die derselbe als Völkerstraße darbietet, hat die Stadt teilnehmen können, und so kann sie doch, obschon nur am Unterlaufe eines bedeutenden Nebenflusses, des Mains, gelegen, als eine Rheinstadt gelten. Die eigentliche Fortsetzung des großen Grabens der Oberrheinischen Tiefebene, dem der Rheinstrom folgt, bildet nicht das enge Rheintal, sondern die fruchtbare Landschaft der Wetterau, die sich nördlich von Frankfurt ausdehnt. Von dort aus öffnen sich bequeme Verbindungen nach Norden nach dem Hessenlande und nach Nordosten nach Thüringen hin und dadurch nach dem nördlichen und nordöstlichen Deutschland. So bildet Frankfurt die Brücke vom Rhein, der großen Verkehrsader des südwestlichen Deutschland, zu dem übrigen Deutschland, und dieser wichtigen Lage verdankt es die hervorragende Rolle, die es in der Vergangenheit spielen konnte und auch in der Gegenwart auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs zu behaupten vermag. Durch diese Gunst übertrifft seine Lage selbst die des benachbarten Mainz, das von der von Süden nach Norden laufenden Verkehrsstraße durch den Rheinstrom getrennt ist. Warum gerade die durch Frankfurts Lage bezeichnete Stelle am Main für eine Niederlassung bevorzugt wurde, lag in örtlichen geographischen Verhältnissen begründet. Es war nicht bloß das zufällige Vorhandensein einer Furt, die der Stadt den Namen „Villa Franconofurd“: Furt der Franken gab, entscheidend. Ausläufer des Vogelsberges, die nur bei Frankfurt bis an den Main heranstreichen, und eine kleine Bodenerhebung auf dem linken Mainufer sicherten auch eine bequeme Benutzung dieser Furt, während an anderen Flußstellen ein mehr oder weniger breites Überschwemmungsgebiet Hindernisse bereitete. Am Mainufer, von wo aus Frankfurt noch immer sein eigenartigstes Gesamtbild ([Abb. 4]) mit den beiderseitigen Gebäudereihen, mit dem stattlichen, alles überragenden Dom und den niedrig den Fluß überspannenden Brücken entfaltet, wird uns die Situation, die die Gründung der Niederlassung veranlaßte, klar. Recht bedeutend senken sich von der verkehrreichen Zeil aus die zum Main hinführenden, meist sehr engen Gäßchen. In dem Flusse aber schwimmen noch heute mehrere kleine Inseln, auf denen jetzt die alte Mainbrücke ruht, die Furtstelle bezeichnend, wo die fränkischen Heere den Main zu überschreiten pflegten. Die königliche Pfalz, die in der Frankenzeit zu Frankfurt errichtet wurde, wird zuerst im Jahre 793 als Winteraufenthalt Karls des Großen erwähnt. Ludwig der Fromme ließ daselbst 822 eine neue Kaiserpfalz, aula regia, erbauen, vermutlich an der Stelle, die jetzt der sog. Saalhof einnimmt. Dadurch wuchs das Ansehen der Stadt bedeutend, 876, beim Tode Ludwigs des Deutschen, galt sie als Hauptstadt des ostfränkischen Reiches. Von der fränkischen Zeit an wurden in Frankfurt die deutschen Kaiser gewählt, und die Goldene Bulle Karls IV. bestimmte, daß die Bartholomäuskirche, d. i. der Dom, als Wahlstätte dienen sollte. Später mußte auch Aachen seinen Rang als Krönungsstadt an Frankfurt abtreten. So wurde die freie Reichsstadt, die durch Messen zugleich als Handelsplatz mächtig aufblühte, die wichtigste Stadt im Deutschen Reiche, der erst später Wien als ständiger Kaisersitz den Rang ablief ([Abb. 3]).
Abb. 21. Gutenberg-Denkmal in Mainz. (Zu [Seite 31].)