Aus der Rheinpromenade führen uns zahlreiche, quer zum Rhein laufende Gassen in die unansehnliche, enggebaute, aber doch wieder interessante Altstadt von Mainz. Bald stehen wir auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Dom ([Abb. 19] und [20]). Gewaltig ragt der Bau mit den sechs Türmen vor uns auf, in dessen einzelnen Teilen eine seltsame Stilmischung, die von so vielen Jahrhunderten erzählen will, zum Ausdruck kommt. Unter den drei großen romanischen Domen von Mainz, Speier und Worms ist er der älteste. Schon im Jahr 978 begann der Erzbischof Willigis seinen Bau, dicht neben einer älteren Kirche. Noch am Tage der Einweihung, im Jahre 1009, wurde das Werk ein Raub der Flammen. Durch Erzbischof Bardo wurde der Dom wiederhergestellt. Aber eine gewaltige Feuersbrunst zerstörte ihn 1081 von neuem. Die hölzerne Decke wurde nun, um die Feuersgefahr zu vermindern, durch eine steinerne ersetzt. Das Langhaus erhielt damals seine heutige Form. Dohme nennt es in seiner „Deutschen Baukunst“ ein „Werk, gewaltig in den Massen, einheitlich in der Gesamterscheinung, aber einfach, wie es Bauten zu sein pflegen, in denen der Architekt noch mit den konstruktiven Gedanken ringt“. In den Kämpfen des Erzbischofs Arnold mit der Bürgerschaft (1155 bis 1160) wurde der Dom von der letzteren als Festung benutzt. Wieder zerstörte dann im Jahre 1191 ein Brand seine oberen Bauteile. Mit der Reparatur wurde eine großartige Erweiterung des Baues verbunden. Das westliche Querschiff mit dem Hauptchor und der achteckigen Kuppel, sowie der Kapitelsaal wurden angefügt. Die Zeit der Gotik erdachte für das bis dahin romanische Bauwerk noch einen herrlichen Schmuck: Sie umgab das Langhaus mit einem gotischen Kapellenkranze, wodurch dasselbe aus einem dreischiffigen in einen fünfschiffigen Bau umgewandelt wurde, schmückte den Dom mit einer glänzenden Fensterarchitektur und mit Ziergiebeln und gab Türmen und Dächern ein mehr gotisches Gepräge. Noch viele Wandlungen, zum Teil wieder durch Brandschäden veranlaßt, hat der wundervolle Bau durchgemacht, der durch alles, was die Jahrhunderte beigefügt oder in ihrem Sinne verändert haben, eins der interessantesten Bauwerke für die Geschichte der Baukunst geworden ist. Aus dem verwüsteten Zustande, in dem ihn die französische Zeit hinterlassen hat, ist er mit großen Opfern gerettet worden, so daß er nun wieder in einer Vollendung dasteht, wie ihn keine Zeit seit den Tagen des höchsten Glanzes gesehen hat.

Abb. 35. Malerisches Motiv von der Burg in Eppstein im Taunus.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 39].)

Vom Dome wandern wir weiter zu dem nahe gelegenen Gutenbergplatz, auf dem seit dem Jahre 1837 ein Denkmal ([Abb. 21]) des Erfinders der Buchdruckerkunst steht, das von Thorwaldsen in Rom modelliert wurde. Zwischen den Jahren 1450 und 1455 stellte Gutenberg in Mainz zuerst gedruckte Bücher mit Metallbuchstaben her. Wie seine Erfindung nach mancher Richtung in Dunkel gehüllt ist, so läßt sich auch nicht bestimmt sagen, ob so viele Häuser in Mainz mit vollem Grund mit der Ausübung der neuen Kunst in Verbindung gebracht werden.

Mainz besitzt viele historisch oder architektonisch interessante Gebäude. Hingewiesen sei auf den Holzturm und den Eisenturm, die von der alten Stadtbefestigung noch übrig geblieben sind, auf das Haus „zum Boderam“ ([Abb. 22]) am Markt, auf das alte Gymnasium ([Abb. 23]), den ehemaligen Kronberger Hof, der zwischen 1604 und 1626 erbaut wurde, auf den ehemaligen Knebelschen Hof, der sich durch einen reichen Renaissance-Erker im inneren Hof auszeichnet, auf die frühgotische St. Stephanskirche, die als doppelchörige Hallenkirche von 1257 bis 1328 auf einem der höchsten Punkte der Stadt erbaut wurde, sowie auf die doppeltürmige Peterskirche, die in der französischen Zeit, insbesondere der heutige Kreuzaltar ([Abb. 24]), dem Kultus der Göttin der Vernunft diente. Diese letztere Kirche erhebt sich unmittelbar an dem großen, baumgeschmückten Schloßplatze, und vor uns liegt das schon erwähnte kurfürstliche Schloß ([Abb. 16]), dessen ausgedehnte Räume seit 1842 als römisch-germanisches Zentralmuseum dienen und eine hochbedeutende Sammlung römischer und germanischer Original-Altertümer enthalten. Beim Durchwandern der Säle und beim Betrachten der interessanten Fundstücke wird die ganze Geschichte der Stadt Mainz und des rheinischen Landes noch einmal in uns wach. Die prächtige, mit schönen Anlagen geschmückte Kaiserstraße, in die wir durch einen nordwestlichen Ausgang des Schloßplatzes einbiegen, aber zaubert uns das Bild des neuen Mainz (90000 Einw.) vor, wie es sich nach dem Hinausschieben des engen Festungsgürtels zu gestalten begonnen hat. Prächtige Gebäude fesseln den Blick, und am Ende der Kaiserstraße taucht der Hauptbahnhof vor uns auf.

Abb. 36. Schloß Biebrich.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 39].)

Abb. 37. Wiesbaden, vom Neroberg gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 39].)

Umgebung von Mainz.