Nachdem wir in den beiden Städten Frankfurt und Mainz, die die Ausgangspunkte unserer Rheinwanderung bilden sollen, Umschau gehalten haben, wollen wir einen Blick auch in das sie umgebende Land werfen, um den Boden, auf dem sie erwuchsen, genauer kennen zu lernen. Es ist ein weites, meist flaches, stellenweise aber hügeliges Land, das sie umbettet. Fruchtbare Äcker dehnen sich meist vor uns aus; stellenweise aber trat an die Stelle des Ackerbaues die Gemüsezucht, für deren Erzeugnisse die beiden Städte eine gute Absatzquelle bilden, so südwestlich von Mainz, wo auch eine bedeutende Spargelzucht betrieben wird; große Obstanlagen schaut ferner das Auge, die uns schon verraten, daß wir uns in der Gegend befinden, wo der beste Apfelwein herkommen soll; auch Rebenschmuck fehlt nicht der Landschaft, in der hier und da große, wohlhabende Dörfer auftauchen, und deren Bild endlich vervollständigt wird durch dunkle Kiefernwaldungen, die zwar selten, in weiten Abständen voneinander erscheinen und meist die niedrigen Anhöhen bedecken, diese von weitem schon als Sandhügel kennzeichnend. Bei schönem, klarem Wetter braucht der Blick nicht bei diesen nahen Bildern zu verweilen. Er schweift in die nebelige Ferne, wo rings sich die Linien von höheren Erhebungen abzeichnen. Im Nordwesten säumt der hohe Zug des Taunus, der „Höhe“, wie man im Lande sagt, den Horizont, von Norden streichen die Ausläufer des Vogelsberges, der gewaltigsten Basaltmasse Deutschlands, heran, im Osten grüßen des Spessart waldbedeckte Höhen, im Südosten erscheinen des Odenwaldes liebliche Abhänge, im Südwesten läßt das freundliche Bergland der Pfalz den Blick weiter schweifen, einerseits nach dem hochgewölbten Donnersberg und anderseits nach dem Soonwald des Hunsrück, und nur im Süden bleibt der Horizont frei, dem Rheine den Lauf zu diesem schönen, reichen Lande öffnend. Rings also Höhen und in der Mitte ein eingesenktes, ein eingesunkenes Land, ein Becken, das nach der ziemlich in der Mitte gelegenen Stadt Mainz das Mainzer Becken genannt wird. Diese Bezeichnung drückt nicht bloß, den plastischen Bau der Landschaft anzeigend, einen geographischen Begriff aus, sondern ist zugleich ein geologischer Begriff. Das „Tertiärbecken von Mainz“ reiht sich den Tertiärbecken von Wien, von Paris und London mit ihrer reichen Kulturentwicklung würdig an. Die Süßwasserbildungen, die in dem seichten Meeresbecken entstanden, sind meist fruchtbare Bodenarten. Am wichtigsten sind die Mergelschichten, die die glücklichste Bodenmischung darstellen, indem sie sowohl den nötigen Sandgehalt, der sie locker macht, als auch den nötigen Tongehalt, der sie wasserhaltig, und endlich auch einen bedeutenden Kalkgehalt, der sie fruchtbar macht und ihre schnelle Erwärmung fördert, besitzen. Andere Bodenarten sind die Taunusschotter, die weniger fruchtbar sind, aber dem Weinbau genügen, Geschiebelehm, der als Ackerboden wertvoll ist, Sand, der nur stellenweise dem Anbau dient, und Löß, der wieder von großer Fruchtbarkeit ist. Der Sand, der bei Mainz und Darmstadt auftritt, ist echter Flugsand. Dünenzüge sind erkennbar. Auch das Auffinden von dreikantigen Steinen, deren Form nur durch Windwirkung entstanden sein kann, beweist den Dünencharakter. Nach oben gehen die Dünenzüge allmählich zu dem feineren Löß über. Aus diesen Erscheinungen müssen wir folgern, daß Deutschland im späteren Diluvium teilweise, wenigstens im nördlichen Teile der Oberrheinischen Tiefebene, Steppencharakter hatte. Auf den höheren Abhängen schlossen sich an die Steppe Waldgebiete an; denn im Löß werden neben echten Steppentieren auch andere Tiere in Überresten gefunden, deren Leichen durch Wasserfluten angeschwemmt wurden.

Abb. 38. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)

Das Mainzer Becken.

Verlassen wir hiermit das Bild früherer Erdzeiten, die noch nicht lange hinter uns liegen, und wenden wir uns der Betrachtung des heutigen Bildes der Landschaft zu! Von allen Randgebieten des Mainzer Beckens lockt uns keines so wie der Rheingau, der sich so sonnig zu den Füßen des hochragenden Taunuszuges bettet, über den der warme Hauch der südlichen Winde weht, und wo noch mehr die Glutstrahlen der Mittagssonne helfen, ein goldenes Weinland, vielleicht das gepriesenste auf Erden, zu schaffen. Und zu den Vorzügen, die Windeshauch und Sonnenschein der reich gesegneten Landschaft bringen, gesellt sich ein dritter, der dieselbe nicht minder berühmt gemacht hat. An vielen Stellen sprudeln aus dem Erdboden warme Quellen, die schon von den Römern als Heilquellen benutzt wurden, und die in unserer Zeit das Land der Reben zum Ziele von Tausenden machen, die entweder Genesung suchen oder in den zahlreichen, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens ausgestatteten Badeorten nur ein angenehmes und genußreiches Leben suchen.

Abb. 39. Königliches Theater in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)

Für den Besuch der zahlreichen Badeorte, die am Südabhange des Taunus oder auf dem Taunus selbst, anmutig in die Täler gebettet, liegen, ist teils Frankfurt, teils Mainz der geeignetste Ausgangspunkt. Als solcher kommt für einige auch Höchst (16000 Einw.), die erste Station der schon 1839 eröffneten Taunusbahn von Frankfurt nach Mainz, wo sich die großartigen Höchster Farbwerke befinden, in Betracht.

Homburg vor der Höhe.

Das vornehmste unter den Taunusbädern ist Homburg vor der Höhe (10000 Einw.) ([Abb. 25]), das in jüngster Zeit auch ein Lieblingsaufenthalt des deutschen Kaisers Wilhelm II. geworden ist. Das dortige Schloß ([Abb. 26]), das seit 1866 für die preußische Königsfamilie eingerichtet ist und bis zu diesem Jahre Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg war, wurde 1680 bis 1685 von dem Landgrafen Friedrich II. aufgeführt und 1820 bis 1840 umgebaut. Das glanzvoll eingerichtete Kurhaus stammt aus den Jahren 1841 bis 1843, wurde aber 1860 bedeutend vergrößert. Es enthielt früher auch ein vortrefflich geordnetes Saalburg-Museum mit zahlreichen Fundstücken von der etwas mehr als eine Stunde entfernten Saalburg und anderen römischen Taunuskastellen, sowie mit einem Modell jenes berühmten Kastells, von dem später noch die Rede sein soll, und eines römischen Wachtturmes. Die wertvolle Sammlung befindet sich jetzt in der Saalburg selbst. Glänzende Festsäle und die Gartenterrasse hinter dem Kurhause sind die Sammelplätze der eleganten Welt. Schöne Promenaden und der große Kurpark laden zu Spaziergängen ein. Die eisenhaltigen salinischen Trinkquellen, die besonders gegen Unterleibsleiden wirksam sind, treten an der Brunnenallee schäumend zutage. Die bedeutendste unter ihnen, die Elisabethquelle, ist kochsalzreicher als der Kissinger Rakoczy. In ihrer Nähe liegen inmitten eines herrlichen Blumenflors zwei Trinkhallen, ferner der Musikpavillon und das Palmenhaus. 1887 bis 1890 wurde in italienischem Renaissancestil das große, luxuriös ausgestattete Kaiser Wilhelm-Bad erbaut.