Abb. 62. Lorch.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 52].)
Abb. 63. Bacharach und Burg Stahleck. (Zu [Seite 54].)
Die Lorelei.
Bei Oberwesel beginnt die schönste Strecke des Rheintales. Hinter der hochragenden Felsmasse des Roßsteins stürmt der Rhein, in seinem Laufe umbiegend, in die enge Felsenspalte des Kammereck hinein, und bei einer neuen Biegung des Stromes fällt unser Blick auf eine andere trotzige Felsklippe, die unmittelbar aus dem Strome, 132 m über dessen Spiegel, emporsteigt. Es ist der sagenumwobene Loreleifelsen ([Abb. 66]). Die zackig auslaufenden Schichten seines schiefrigen Gesteins steigen zum Strome hin an, so daß man das Gefühl bekommt, als ob der Bergkoloß im Begriff wäre, sich aus den Fluten herauszuheben. Wer das Glück hat, beim Sonnenuntergang, wenn die Abendröte die Bergesspitze golden bemalt, oder im Mondenschein, wenn gespensterhafte Schatten den schroffen Berg umspielen, den Anblick des Lurleifelsens zu genießen, der glaubt auf dem hohen Bergesgipfel die schöne Jungfrau, von der die Sage erzählt, zu schauen. Auch den Schiffer kann er sehen. Zum Fischfange fährt er hinaus auf den Strom. In dem kühlen, wenig von der Sonne erwärmten Wasser am Loreleifelsen hält sich mit Vorliebe der Salm, der beste, schmackhafteste und teuerste aller Rheinfische, auf. Dort lockt den Fischer ein guter Gewinn, und mancher mag beim Fischfange die verborgenen Felsklippen nicht genug beachtet haben. Aber die Sage vergoldet, gleich dem Abendrot, das golden die Spitze des Loreleifelsens malt, in einem sinnigen Bilde den ernsten Zug des Fischerlebens. Sie läßt den jungen Fischer lauschen auf das liebliche Singen, das geheimnisvoll, mit gewalt’ger Melodei, von der umgoldeten Bergesspitze hernieder klingt.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.