Abb. 124. Kriegerdenkmal in Bonn.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 128].)

Remagen. Apollinariskirche.

In Remagen gesellen wir uns den zahlreichen Touristen zu, die dort den Rheindampfer verlassen. Das Ahrtal mit seinen malerisch sich türmenden Felsen, mit seinem zum Irrlauf gezwungenen Flusse, mit seinen Burgruinen auf den Bergen und seinen Dorfidyllen in des Tales Nischen, mit seinen Geschichten und Sagen, mit seinen heilkräftigen Quellen ist ihr und unser Ziel. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges benutzen wir, um die alte Stadt Remagen und ihre Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. In dem Orte haben wir wieder eins der fünfzig Drusus-Kastelle vor uns. Auf der Peutingerschen Karte, der Nachbildung einer alten römischen Straßenkarte aus dem Mittelalter, ist Remagen als Rigomagus aufgeführt. „Wertvoll für die früheste Geschichte der Stadt,“ so schreibt Kollbach, „ist ferner ein in der Nähe aufgefundener römischer Meilenstein, welcher uns nicht nur die Zeit des Straßenbaues unter den Kaisern Markus Aurelius und Lucius Verus verkündet, sondern auch genau die Entfernung von hier bis Köln als 30000 Schritte angibt.“ Interessante römische Funde wurden zu Remagen beim Bau der jetzigen Landstraße, im Jahre 1763, gemacht. Dieselben wanderten, weil der Ort damals zur Pfalz gehörte, nach Mannheim. Neuen Aufschluß über das römische Rigomagus ergab in neuester Zeit der 1900 begonnene Neubau der alten Pfarrkirche. Es war längst bekannt, daß diese inmitten des Drusus-Kastells stand. Durch die vorgenommenen Nachgrabungen wurde die Nordmauer desselben am Deichweg freigelegt. Eine gleich gut erhaltene oberirdische Festungsmauer aus der römischen Zeit ist in der Rheinprovinz kaum noch irgendwo erhalten. Ein aufgefundener römischer Ziegelstein trug die Aufschrift RICOM, die den Gedanken nahe legt, daß der Name des Kastells nicht Rigomagus, sondern Ricomagus hieß. Auch auf mächtige Schuttmassen stieß man bei jener Gelegenheit. Kaum ein zweiter Ort am Rhein hat so schwere Schicksale, so zahlreiche Belagerungen und Zerstörungen in Kriegszeiten erdulden müssen wie Remagen. Es wurde 1198 von den Truppen Philipps von Schwaben verbrannt, 1475 von den Burgundern erobert, 1632 von den Schweden erstürmt, 1633 von den Spaniern zurückerobert, im selben Jahre aber von den Schweden zusammengeschossen, wobei der Kirchturm und 200 Häuser zerstört wurden. Kein Wunder, daß nach solchen schlimmen Zeiten der Ort am Ende des Dreißigjährigen Krieges nur noch 60 Häuser, wohl richtiger gesagt Hütten zählte. Und dennoch blieben uns noch einige interessante, mittelalterliche Baureste erhalten, so das 1246 geweihte gotische Chor der alten Pfarrkirche und der seltsame, schon viel gedeutete und doch vielleicht noch nicht richtig erklärte, reich mit Skulpturen geschmückte Torbogen, der neben dem Pfarrhause steht. In der Talfurche des Lützerbaches, der in den aussichtsreichen Viktoriaberg eingeschnitten ist, sind noch Reste einer unterirdischen römischen Wasserleitung erhalten. So plaudert, wie dieser Bach, fast jede Örtlichkeit eine Geschichte. Aus der frisch blühenden Gegenwart, die aber Remagen die frühere Bedeutung noch nicht wiederzugeben vermochte, stammt die zierliche, von vier schlanken Türmchen flankierte Apollinariskirche ([Abb. 114]), die der Graf Fürstenberg-Stammheim 1839 durch den Dombaumeister Zwirner in gotischem Stile aufführen ließ.

Abb. 125. Beethoven-Denkmal in Bonn.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 128].)

Abb. 126. Das Münster in Bonn. (Zu [Seite 128].)

Das Ahrtal.

Nicht gar zu schnell führt uns der Eisenbahnzug von Remagen durch das Ahrtal. Wir lassen die wechselnden Bilder an uns vorübergleiten, und erst dort, wo die neben uns rauschende Ahr in der engsten Felsenwildnis sich zu verlieren scheint, in deren Mitte malerisch auf schroffem Felskegel die Burgruine Altenahr vor uns auftaucht, machen wir halt, um rückwandernd dann des Tales Schönheit voll zu genießen. Drei völlig verschiedene Talstücke des Ahrlaufes können wir unterscheiden. Die oberste Strecke entfaltet noch nichts von der wilden Schönheit, die das Ahrtal so berühmt gemacht hat. Nur wenig hat der junge Fluß in dem Grauwacke- und Kalkgestein, das er zuerst durchfließt, sein Bett vertieft. Grüne Wiesen säumen ihn, und die Talgehänge prangen in dichtem Waldkleide. Erst bei Altenahr, wo die Ahr in eine mehr schieferartige Grauwacke eintritt, ändert sich plötzlich das Talbild. Dieses Gestein bot dem mit starkem Gefälle gegen die Felsen anstürmenden Flusse, der inzwischen auch durch zahlreiche Bäche seine wilde Kraft verstärkte, nur geringen Widerstand dar. So ward die Landschaft durch tiefe Furchen zerrissen. Auf eine großartige Felsenlandschaft schauen wir von der Burg Altenahr, dem Stammsitz des Grafengeschlechts von Are, deren Bau bis ins zehnte Jahrhundert zurückreichen soll, oder vom Weißen Kreuz ([Abb. 115]) herab. Wohl zehnmal sehen wir die Ahr hinter den schroffen Felswänden, die entweder mit zierlichem Buschwerk bewachsen oder bis hoch hinauf mit Reben geschmückt sind, verschwinden und wieder hervorkommen. Bis Walporzheim reicht der enge Teil des Ahrtales. Noch an vielen Punkten entfaltet dieses mittlere Talstück seine eigenartige Schönheit. Zuweilen verbreitert das Tal sich etwas, und ein größerer Rebengarten nimmt uns auf. Dann aber treten die Berge in malerischen Formen wieder näher an den Fluß heran und zwingen ihn zu neuen Irrläufen. In dem kühlen Wassergrunde spielt die Forelle. Die rote Felsennelke schmückt das Gestein. Hie und da führen von der Landstraße Steinstufen hinauf zu den Weinbergen. Wir wandern an der vielbesuchten Lochmühle und an dem in stillem Talfrieden liegenden Mayschoß vorüber und blicken hinauf zu den geringen Resten der einst auf steiler Felshöhe so trotzig gelegenen Sassenburg. In breiterem Tal erholt sich die Ahr von ihren Irrläufen. Dann grüßen wir die Bunte Kuh, einen mit spitzer Nase aus der Bergwand heraustretenden Fels. Der eigentümliche Name soll von einer Wette herrühren. Für den Preis einer Kuh erkletterte ein Mädchen den Fels und wechselte auf der vorspringenden Nase das Strumpfband. Gleich hinter der Bunten Kuh erreichen wir Walporzheim, den weltberühmten Weinort, wo im St. Peter gar mancher Zecher des Weines Kraft erfahren hat.