Und ein Tag wie tausend Jahre!

Abb. 165. Ringstraße in Köln. (Zu [Seite 173].)

Die Erinnerung an den Mönch von Heisterbach, der, aus seinen Träumen aufwachend, eine neue, um tausend Jahre jüngere Welt um sich sieht und nur aus einer alten Chronik Kunde von sich selbst vernimmt, begleitet uns auf allen Schritten; denn der Sinn dieser Sage wurzelt in der Stimmung der Landschaft. Wer unter frohen Menschen weilen will, wandert hin zum Drachenfels, wer jedoch von des Lebens Hast und Unruhe genesen will, der sucht die Waldesstille von Heisterbach auf. Der Waldesodem haucht neue Kraft in Körper und Geist, und im stillen beginnen wir die klugen Mönche zu bewundern, die sich diese Waldesherrlichkeit im Tale wählten und den Rittern gern die luftige Bergeshöhe ließen. Die Bergeshöhe mit ihrem freien Blick in die Ferne und hinab auf das Leben und Treiben der geschäftigen Menschheit, das stille Tal mit seiner Einsamkeit und Ruhe, mit seinem Alleinsein und Alleinfühlen, das sind die beiden Gegensätze, die, wie in vielen anderen Berglandschaften, so auch im Siebengebirge zu unserer Empfindung kommen, und die uns in jeder Örtlichkeit ihren eigenen Zauber finden läßt, je nach dem Grade, in dem die eine oder die andere Stimmung auf uns wirkt. Die Idylle des Margaretenhofes am Fuße des Ölberges, sowie des Burghofes in Zweidrittelhöhe des Drachenfels und die Stille des Forsthauses an der Löwenburg stimmen unser Herz ähnlich wie die Waldesruhe von Heisterbach. Aber nicht so ganz ist die Stimme des Lebens dort verstummt, und wenn wir emporsteigen und auf den genannten Bergkuppen Umschau halten, so fühlen wir uns Städten und Dörfern, so fern sie auch liegen, den Menschen näher.

Abb. 166. Denkmal Kaiser Wilhelm I. in Köln.
Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu [Seite 173].)

Das Siebengebirge.

Es ist vorwiegend das Verdienst des eifrig tätigen Verschönerungsvereins für das Siebengebirge, daß jede Örtlichkeit in dieser herrlichen Landschaft bis heute ihre natürliche Eigenart erhalten hat. Es ist allzeit sein Streben gewesen, die Schönheit des Siebengebirges aufzuschließen, ohne die Naturstimmung der Landschaft irgendwie zu beeinträchtigen. Schöne Landstraßen, von denen die eine rings um das eigentliche Siebengebirge führt, die beiden anderen es vom Margaretenhof am Ölberg zum Rhein hin durchqueren, lassen alle schönen Punkte auch zu Wagen leicht erreichen. Aber der Fußgänger braucht nicht überall ihnen zu folgen. Wo sie schattigen Wald durchschneiden, zweigen sich wohlgepflegte Waldwege ab, auf denen es sich herrlich wandert, und der Wanderer fühlt dort sich näher der Natur, den Blumen und Gräsern, den Bäumen und Sträuchern, dem Kuckuck, dessen Ruf ertönt, und der Nachtigall, die dicht neben uns plötzlich ihren schmetternden Schlag anstimmt. Eine andere Sorge des Verschönerungsvereins war darauf gerichtet, den Betrieb der Steinbrüche, die tiefe Wunden in die Bergkuppen rissen und einigen die Schönheit völlig zu rauben drohten, einzuschränken oder durch Ankauf gänzlich zum Stillstand zu bringen. Durch Bewilligung einer Lotterie zur Erhaltung des Siebengebirges sind dem Verein die Mittel gewährt worden, seine gemeinnützigen Bestrebungen in größerem Umfange zu verwirklichen. Durch Ankauf von Gelände soll auch einer weiteren Besiedelung, besonders auch einer Bebauung mit Villen vorgebeugt werden. Denn ein verborgenes Heiligtum der Natur sei diese Landschaft, das nicht ein Opfer werde der menschlichen Habsucht und nicht entweiht vom Menschenhader. Drum Dank den Männern, die an der Rettung und Verschönerung des Siebengebirges, der Perle des Rheinlandes, mitgewirkt haben. Dank auch der preußischen Staatsbehörde, die durch Genehmigung der Siebengebirgs-Lotterie die Bestrebungen des Verschönerungsvereins so wirksam unterstützte und für die Erhaltung der wenigen Ruinen, die vom Kulturschmucke früherer Jahrhunderte in dieser Landschaft übriggeblieben sind, Sorge trug. Gewaltige Schutzmauern stützen den alten Bergfried auf dem Drachenfels, und demnächst sollen auch die geringen Burgreste auf der Löwenburg vor weiterem Verfall geschützt werden. Von anderen Burgen, so von der Wolkenburg, die einst, im zwölften Jahrhundert, den Juden bei einer Verfolgung als Zufluchtsstätte angewiesen wurde, ist kein Stein mehr vorhanden, und riesige Schutthalden, von früherem Steinbruchbetrieb herrührend, verunstalten den Berg dieses Namens. So führt derselbe abschreckend uns vor Augen, was frühere Zeiten gefrevelt haben am schönen Bilde der Natur, und mächtig hallt die Mahnung der Dichterin Fanny Stockhausen in uns wider:

Rheinland, steh’ auf! Laß keinen Stein

Dir mehr von deinen sieben Bergen brechen,