Der Name „Bergisches Land“ ist eine wirklich zutreffende Bezeichnung. Der stete Wechsel zwischen Berg und Tal gibt dem Gebiete sein eigenartiges Gepräge. Die zahlreichen Täler und Tälchen sind meist tief, viele schluchtenartig eingeschnitten. Wald, Wiese und Äcker wechseln miteinander ab, und überall liegen Gruppen von Häusern, bald in die Talmulden gebettet, bald die luftige Höhe erkletternd. Aus dem steten Wechsel der Bodenform, des Pflanzenkleides und der reichen Besiedelung entsteht das eigenartige Gesamtbild des Bergischen Landes, das so völlig verschieden ist von den eintönigen und menschenleeren Hochflächen des Hunsrück und der Eifel. Es kehrt überall wieder, gleichviel in welchem Teile wir das Bergische Land durchstreifen, aber niemals wirkt es ermüdend, immer überraschen die Einzelheiten, die Wendungen der Tälchen, die Staffage der Höhen, besonders die malerischen Gruppierungen der zierlichen und freundlichen Häuschen, die meist mit Schiefer gedeckt und auf der Wetterseite auch mit Schiefer bekleidet sind. Für eine der schönsten Aussichten, von manchen für die schönste im ganzen Bergischen Lande wird der Rundblick gehalten, den man von den Anlagen in Remscheid ([Abb. 171]), das in dem von der Wupper auf drei Seiten umflossenen Viereck liegt, genießt: „Nach Norden[D] umgibt uns ein reicher Kranz von Ortschaften. Überall lugen die Häusergruppen und die Kirchtürme aus Berg und Tal, zwischen den dunkleren Waldflecken und den helleren Acker- und Wiesenflächen hervor. Nach Nordosten schauen wir hinab in das Moosbach- und das Wuppertal, die wie dunkle Schluchten erscheinen. Hoch ragt der Bogen der berühmten Kaiser Wilhelm-Brücke bei Müngsten ([Abb. 172]), die mit 170 m Spannung, bei einer Länge von 500 m und einer Höhe von 107 m, sich hoch über die Schlucht des Wuppertales wölbt, der Bahn von Remscheid nach Solingen einen Weg bietend. In der Ferne tauchen die zerstreuten Häusergruppen von Solingen ([Abb. 173]) auf. Über die westlichen und südwestlichen Höhen öffnet sich der Blick auf die Rheinebene. Von Düsseldorf bis Köln, dessen Domtürme deutlich hervortreten, können wir diese überblicken, und fern im Süden tauchen gar die Kuppen des Siebengebirges und der Eifel empor. Nach Osten endlich breitet sich das ausgedehnte, von dem Wasserturm hoch überragte Häuserbild von Remscheid vor uns aus.“
Abb. 182. Städtische Kunsthalle und Bismarck-Denkmal in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 182].)
Remscheid und Solingen.
Die beiden Städte Remscheid (65000 Einw.) und Solingen (50000 Einw.) sind die Hauptsitze der so berühmten Eisen- und Stahlindustrie des Bergischen Landes. In Solingen soll die Kunst, Schwerter zu schmieden, der Überlieferung gemäß, durch den Grafen Adolf IV. von Berg, der sie auf dem zweiten Kreuzzug in Damaskus kennen gelernt hatte, eingebürgert worden sein. Die Grafen von Berg taten viel für die junge Industrie. Graf Adolf Wilhelm verlieh ihr viele Vorrechte, er erhob Solingen zur Stadt und befreite sie von allen Abgaben. Schon im Mittelalter waren die Solinger Klingen sehr berühmt und auf den Handelsplätzen fast der ganzen Erde eine gesuchte Ware. Erst 1809 wurden die Vorrechte der Solinger Waffenschmiede, der Härter, Schleifer, Messermacher, Kreuz- und Knopfschmiede, aufgehoben. Der freie Wettbewerb, der damit begann, hat der Industrie nicht geschadet. Dieselbe fußt jetzt auf einer jahrhundertelangen Schulung, auf einer gleichsam übererbten Fertigkeit und Tüchtigkeit, und zugleich wird ihr Betrieb sehr begünstigt durch die Natur des Bergischen Landes, durch dessen Reichtum an sprudelnden Bächen. Da das nach Osten ansteigende, also dem vom Atlantischen Ozean kommenden Wolkenzuge zugekehrte Land eine bedeutende Regenmenge, jährlich 900 bis 1000 mm, empfängt, sind die Bäche nicht bloß zahlreich, sondern fast während des ganzen Jahres auch wasserreich. Ferner zeichnen sie sich durch ein bedeutendes Gefälle aus. So konnten überall in den schluchtenartigen Tälchen unzählige Schleifkotten angelegt werden. In diesen verrichten die Schleifer ihre harte und mühselige Arbeit. Die Schmiedemeister hatten keine Veranlassung, sich in den tiefen Tälern anzusiedeln; sie bevorzugten die Bergeshöhe. Von blumigen Gärtchen meist umgeben, liegen dort ihre Wohnungen und Werkstätten. Laute Hammerschläge hallen von allen Seiten an unser Ohr, und wenn der Abend dunkelt, leuchten ringsumher, auf allen Höhen, die flackernden Feuer auf, die dunkeln Männergestalten, die den Hammer schwingen, grell beleuchtend. Durch die Gunst der Verhältnisse hat die Solinger Industrie, die außer allerlei Hieb- und Stichwaffen und den verschiedensten Arten von Messern auch Gabeln, Scheren, Korkzieher, Sporen und Bügeln für Geld-, Zigarren- und Reisetaschen liefert, ihren alten Ruf bis heute bewahren können. „Alles,“ so sagte einmal etwas gar selbstbewußt ein Engländer, „können wir in England besser machen als in Deutschland, nur nicht Solinger Klingen.“
Auch in Remscheid wurde ursprünglich hauptsächlich das Schmieden von Schwertern betrieben. Graf Adolf VII. von Berg (1256 bis 1295) führte die Schmiedekunst daselbst ein, indem er zahlreiche französische Kolonisten, im ganzen etwa 2000 Familien, in sein Land zog. Später erhielten diese noch einen bedeutenden Zuwachs von französischen Hugenotten. Letztere waren intelligente Leute, die auch die Herstellung von anderen Eisen- und Stahlwaren versuchten und viele neue Artikel, wie Handwerkszeuge, Schlösser, Hausgeräte usw. in die Remscheider Industrie einführten. Diese wurde dadurch immer vielseitiger. Das Schmieden von Waffen trat allmählich ganz in den Hintergrund. Die Art der Eisen- und Stahlwaren, mit deren Verfertigung man sich vorwiegend beschäftigte, bedingte auch eine Änderung der Betriebsweise. Während in Solingen sich eine immer weitergehende Arbeitsteilung ausbildete, trat in Remscheid zu dem Kleinbetrieb in Werkstätten der Großbetrieb in Fabriken. Indem sich die Remscheider Industrie in stärkerem Maße auf die Maschinenarbeit stützen konnte, erlangte sie eine bedeutende Ausdehnung. Der Wert ihrer Erzeugnisse wird auf jährlich 35 bis 40 Millionen Mark geschätzt.
Siedelungsweise. Talsperren.
Die beiden Städte Solingen und Remscheid sind weit auseinander gebaut; nur ein kleiner Teil der Häuser schart sich dichter zusammen. Wir erkannten, daß die alte Eisen- und Stahlindustrie diese zerstreute Besiedelungsweise bedingte. Wir finden dieselbe jedoch auch in den übrigen Teilen des Bergischen Landes, wo jene Industrie sich nicht verbreitete. Sie ist also eine allgemeine Landessitte, die das Bergische Land mit dem größten Teile Westfalens und mit anderen Gegenden Deutschlands teilt. Die Siedelungsweise der Einzelhöfe hat keltischen Ursprung, das Wohnen in Dorfschaften, sogenannten Gewanndörfern, wie wir es im größten Teile Rheinlands antreffen, ist germanische Sitte. Man muß annehmen, daß dort, wo die alte keltische Besiedelung bestehen blieb, die Einwanderung der germanischen Stämme sich allmählich und auf friedlichem Wege vollzog, dagegen dort, wo die germanische Besiedelungsweise eingeführt wurde, die Verdrängung der keltischen Völker auf gewaltsamem Wege stattfand.
Abb. 183. Königl. Kunstakademie in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 182].)