Wie in der Solinger und Remscheider Gegend zahlreiche Schleifkotten in den Tälern angelegt wurden, so entstanden in andern Gegenden an diesen noch mancherlei gewerbliche Betriebe, welche die Wasserkraft ausbeuten, wie Spinnereien, Webereien, Tuchfabriken usw. Für das Bergische Land haben die Wasserkräfte der Bäche eine ähnliche Bedeutung wie für das Ruhrgebiet, wo das Großeisengewerbe blüht, die Kohlenschätze haben. Dies hat man in jüngster Zeit in vollem Umfange erkannt, und das Streben ist überall darauf gerichtet, aus der Wasserkraft der Bäche einen möglichst großen Nutzen zu ziehen. Durch die Anlage von großen Stauweihern, sogenannten Talsperren, sucht man das in der regenreichen Jahreszeit überflüssig abfließende Wasser zurückzuhalten und für die trockenen Monate aufzusparen. An der Sperrmauer kann ferner eine neue, bedeutende Wasserkraft ausgenutzt werden. Andere Vorteile, die der Bau von Talsperren verheißt, sind die Verhütung von Überschwemmungen am Unterlaufe der Gewässer und die Versorgung der Städte mit gutem, noch nicht durch gewerbliche Anlagen verunreinigtem Wasser. Im Bergischen Land sind zahlreiche Talsperren bereits erbaut worden oder im Bau begriffen. Die erste, welche fertiggestellt wurde, war die bei Remscheid im Eschbachtal gelegene. Ihr Erbauer ist Professor Intze aus Aachen. 1891 war die Anlage, die 1000000 cbm Wasser zu fassen vermag und den unterhalb gelegenen Hammerwerken und Schleifkotten täglich 6000 cbm Wasser liefert, fertig. Der blinkende Wasserspiegel, auf den man von der Terrasse des Restaurationsgebäudes einen schönen Blick genießt, ist zugleich ein neuer Schmuck der Remscheider Gegend.

Burg. Altenberg. Elberfeld, Barmen.

Wenn wir dem Eschbachtale, in dem die Remscheider Talsperre liegt, abwärts folgen bis zur Einmündung in das Wuppertal, so gelangen wir, nach etwa einundeinhalbstündiger Wanderung, zu dem Städtchen Burg, das von dem gleichnamigen Schlosse ([Abb. 174]), dem alten Stammsitze der Grafen von Berg, überragt wird. Sowohl die landschaftliche Schönheit der Gegend als auch das Interesse für den alten Herrschersitz des Bergischen Landes locken alljährlich zahlreiche Besucher dorthin. Dieses Interesse ließ im Jahre 1887 auch eine Vereinigung von Männern aus allen bergischen Städten entstehen, die den Wiederaufbau des einst so stolzen, aber allmählich zur Ruine gewordenen Schlosses ins Werk setzte. Sein erster Erbauer im Jahre 1118 war Graf Adolf III.; Engelbert I. ließ es mit Mauern und Türmen versehen und den herrlichen Palas, den ersten gotischen Profanbau in Deutschland, aufführen, so daß die Feste gar stattlich über das Land hinwegschaute. Nur bis 1298 wohnten die Grafen von Berg ständig in Burg. Sie verlegten ihre Residenz nach Düsseldorf und weilten nur noch zeitweise auf ihrem Stammschlosse, das vielfach umgebaut wurde. Der kaiserliche Oberst von Plettenberg zerstörte den schönen Bau nach dem Friedensschlusse des Dreißigjährigen Krieges. Der prächtige Palas litt damals zwar wenig, und nur das alte Dach mit den malerischen Aufbauten büßte er ein. Noch größere Veränderungen vollzogen sich im Innern. Die Romantik des Rittertums mußte der Prosa des werktätigen Lebens Platz machen. Der Palasbau wurde nacheinander als Deckenfabrik, Roßmühle, Wollspinnerei und Schule benutzt. Unsere Zeit steht den Erinnerungsstätten der Geschichte mit größerer Pietät gegenüber. Sie sah auch Schloß Burg in altem Glanze wiedererstehen wie so manche andere Burgen am Rhein und an der Mosel. Der Architekt Fischer leitete den Wiederaufbau, für den reiche Mittel flossen, als der Aufruf hierzu durch das Bergische Land ging. Im Düsseldorfer Archiv war eine alte Zeichnung vom Baumeister und Geographen Ploennis aus dem Jahre 1765 aufgefunden worden, und so war es möglich, den stolzen Bau ziemlich genau in seiner einstigen Gestalt wiederherzustellen.

Auch eine Perle kirchlicher Baukunst besitzt das Bergische Land. In stiller Waldeseinsamkeit des schönen Dhüntales, des größten Nebentales der Wupper, liegt der Altenberger Dom ([Abb. 175]), die würdige Schwesterkirche des Kölner Doms. Die Kunstkenner sind entzückt von der feinen Gotik jenes Bauwerkes, zu dem der Grundstein 1255, also sieben Jahre nach Beginn des Kölner Dombaues, gelegt wurde. 1379 stand der Altenberger Dom als Kirche einer 1133 von den Brüdern Adolf und Eberhard Grafen von Berg gegründeten Zisterzienserabtei fertig da. Er ist ein turmloser, dreischiffiger Riesenbau mit fünfschiffigem Chor und Kapellenkranz. Für seine Erhaltung und Verschönerung ist in verdienstvoller Weise der Altenberger Domverein tätig.

Die Wuppertaler Schwebebahn.

Unser letztes Reiseziel im Bergischen Lande sei die im engen Wuppertal gelegene Doppelstadt Elberfeld (170000 Einw.) und Barmen (160000 Einw.) ([Abb. 176]). Wenn wir auf der Eisenbahnlinie Köln-Elberfeld plötzlich hinter Vohwinkel, nachdem wir schon von Ohligs ab viele kleine Tälchen des Bergischen Landes durchquert haben, in dessen größtes Tal, in das tief eingeschnittene Wuppertal einbiegen, bietet sich uns ein überraschender Anblick dar. Dichte Häusermassen drängen sich in das Bild, hochragende Fabrikschornsteine wetteifern mit den steilen Talwänden an Höhe, tief unten fließt die dunkel gefärbte Wupper und über ihr von Häusern und Fabriken engumschlossenes Bett zieht sich ein eigentümliches Eisengerüst, das, auf schräg gerichteten, eisernen Trägern ruhend, den Schlangenbiegungen des Flusses folgt. Noch haben wir den Sinn dieses Bauwerkes nicht klar erfaßt, da huscht ein großer Gegenstand aus der Ferne heran. Er bewegt sich eilig, und wie er näher kommt, erkennen wir einen mit Menschen dicht besetzten Wagen, der in der luftigen Höhe schwebend unter dem Eisengerüste dahinfährt. Es ist die von Kommerzienrat Lange erdachte Schwebebahn ([Abb. 177]), eine von den Wunderbauten des Bergischen Landes, die sich den anderen, der Kaiser Wilhelms-Brücke bei Müngsten und den Talsperren, würdig anreiht, und auf die die Wuppertäler so stolz sind. Die Schaffung einer geeigneten Verkehrsanlage in dem engen, dicht besiedelten Wuppertale war eine schwierige Aufgabe, die durch die Schwebebahn in einer trefflichen Weise gelöst wird. An Böcken ist eine starke Schiene freischwebend aufgehängt. Auf dieser Schiene rollen die Spurräder. Je zwei hintereinander befindliche Räder sind an einem Rahmen angeordnet, von dem überaus kräftig gebaute D-förmige Träger ausgehen. An diesen sind die Wagenkästen so aufgehängt, daß deren Schwerpunkt genau senkrecht unter die Schiene zu liegen kommt. Durch Verwenden von Drehzapfen wird es ermöglicht, daß selbst sehr lange Wagen außerordentlich kleine Kurven machen können. Auf Grund dieses Prinzips ergeben sich folgende Vorteile der Schwebebahnen: Die Gleisanlagen, sowie die ganzen Bahn- und Tragekonstruktionen werden sehr viel leichter, einfacher und billiger als die Konstruktion von Hochbahnen mit Doppelschienen; eine Schwebebahn nimmt nicht entfernt in dem Maße, wie dies z. B. bei elektrischen Hochbahnen der Fall ist, den Straßen Licht und Luft; es können die Wagen, weil sie hängen, durch seitliches Ausschwingen der Zentrifugalkraft nachgeben, und sie stellen sich bei jeder Geschwindigkeit immer genau nach der tatsächlich eintretenden Zentrifugalkraft schief; infolgedessen können selbst die engsten Krümmungen mit beliebiger Geschwindigkeit durchfahren werden und ist überhaupt eine bedeutendere Steigerung der Geschwindigkeit als bei andern Bahnen möglich. Den rührigen Wuppertälern aber gebührt der Ruhm, das Wagestück der ersten Verkehrsanlage dieser Art versucht zu haben.

Abb. 184. Der Malkasten in Düsseldorf, Gartenseite.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 183].)

Abb. 185. Provinzial-Ständehaus in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 183].)