Elberfeld und Barmen.
In einer Länge von fast 10 km zieht sich das Häuserbild der beiden Städte Elberfeld ([Abb. 178]) und Barmen in dem engen Wuppertal von Westen nach Osten hin. Raum für breite und schöne Straßenanlagen und schmückende Plätze war wenig vorhanden. Auch die zahlreichen Fabriken, die meist längs des Wupperlaufes angelegt wurden, gereichen dem äußern Bilde nicht zum Vorteil. Ihre Verwaltung ist jedoch eifrigst bestrebt, dieses durch Prachtbauten immer mehr zu verschönern. Elberfeld, das als die schönere Stadt gelten muß, hat jüngst noch das prächtige Rathaus, Barmen die schöne Ruhmeshalle ([Abb. 179]) festlich eingeweiht. In der letzteren Stadt wurde auch dem Dichter Emil Rittershaus ein Denkmal ([Abb. 180]) gesetzt. Historische Bauten fehlen aber hier wie dort; denn beide Städte sind noch verhältnismäßig jung. Der Name Elberfeld soll von geheimnisvoll schaffenden, neckischen Geistern des Waldes und Feldes herkommen. Ursprünglich bezeichnete er, wie Hengstenberg schreibt, einen Hof, der im zwölften Jahrhundert zu Köln gehörte und 1176 in den Pfandbesitz des Grafen Engelbert von Berg kam, aber erst im fünfzehnten Jahrhundert mit dieser Grafschaft vereinigt wurde. Als einwandernde Protestanten das Gewerbe des Garnbleichens und Garnhandels, das im Wuppertale schon im fünfzehnten Jahrhunderte eine gewisse Bedeutung hatte, zu großer Blüte brachten, begann der Ort, der 1618 Stadtrechte erhielt, aufzublühen. Dem nämlichen Gewerbe verdankte Barmen sein Emporkommen. Sein Name wird schon im elften Jahrhundert in einem Heberegister des Klosters Werden genannt. 1245 kam es zu Berg, und vom vierzehnten Jahrhundert bis 1807 gehörte es zum Amte Beyenburg; doch war es schon seit dem vierzehnten Jahrhundert eine Freiheit, mit selbständiger bürgerlicher Verwaltung und einem eigenen Hofesgerichte. Nach Beginn der preußischen Herrschaft, also von 1815 an, blühte Barmen so schnell auf, daß es die ältere Nachbarstadt zu überflügeln schien. Anfangs der siebziger Jahre hatte es tatsächlich mehr Einwohner als diese, bis Elberfeld durch die Eingemeindung von Sonnborn den Vorrang wieder erlangte. Das schnelle Wachstum der beiden Städte erkennen wir aus folgenden Zahlen: sie zählten zusammen 1815 40000, 1861 106000, 1890 242000, 1900 300000 und 1905 330000 Einwohner.
Abb. 186. Das Münster zu Aachen, von der Nordseite gesehen. (Zu [Seite 184].)
Wuppertaler Industrie.
Das Aufblühen der Garnbleicherei im Wuppertale lag in einer besondern örtlichen Gunst begründet. Da das Wasser der Wupper etwas kalkhaltig ist, war es zum Garnbleichen wohl geeignet. Dieses aber konnte auf den grünen Wiesen, die den Fluß säumten, geschehen. Das Gewerbe nahm einen bedeutenden Aufschwung, als den beiden Orten Elberfeld und Barmen das alleinige Recht des Bleichens und Zwirnens von Garn, sowie des Garnhandels verliehen wurde. Es begann sich zunftartig als Garnnahrung auszubilden. An der Spitze derselben stand der Garnmeister. Es lag nahe, daß als die Elberfelder und Barmener Garne immer mehr Weltruf erlangten, sich auch früh die Leinwandweberei einbürgerte. Aber nur eine Zeitlang blühten diese Gewerbe. Je stärker sich das Wuppertal besiedelte und je höher die Löhne stiegen, desto mehr schwanden frühere Vorteile. Mutig wandten sich da die Wuppertäler andern Fabrikationszweigen zu, zuerst dem Baumwollgewerbe, das aber zu schwer gegen den englischen Wettbewerb ankämpfen mußte, dann dem Seidengewerbe, das seine Bedeutung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einbüßte, und zuletzt dem Wollgewerbe, das heute noch blüht. Andere Industriezweige hatten sich daneben entwickelt, so die Färberei, besonders die Türkischrotfärberei, die 1784 aufkam, die chemische Industrie, die Knopfverfertigung, die Riemendreherei und andere. Die Industrie der beiden Städte ist längst nicht mehr gleichartig. In Elberfeld werden vorwiegend die Herstellung von wollenen Geweben der verschiedensten Art, die chemische Industrie und die Kattunfärberei, in Barmen die Bandwirkerei, Riemendreherei und Knopfverfertigung, deren Erzeugnisse als „Barmer Artikel“ in den Handel kommen, betrieben.
Rastlose Arbeit ist der Tagesruf, der uns im Wuppertal überall, aus den menschenbesetzten und von Maschinengeräusch erfüllten Fabriken, aus den Arbeitszimmern der Kaufleute und aus der Menge der zur Arbeitsstätte hineilenden Arbeiter, entgegenhallt. Wenn aber die Wuppertäler frei sich fühlen vom harten Druck der Arbeit, dann steigen sie empor zu den waldigen Höhen, die das Tal eng umschließen, und auf denen sie, entrückt dem Dunstkreise und dem Rauchschleier der beiden großen Städte, frei atmen können in herrlicher Bergluft. Die Abhänge von einigen Höhen sind mit schönen Anlagen geschmückt, auf allen aber leiten hübsche Promenadenwege den Wanderer zu den Aussichtspunkten hin. Von Barmen aus erreichen wir auf der südlichen Bergwand den Toelleturm. Wir überschauen das Wuppertal mit seinem endlosen Häuserbild und blicken auch weit in das Bergische Land hinein. Im Südosten säumen die Linien des Ebbe-Gebirges den Horizont, nach Norden reicht der Blick bis zum Vincketurm bei Hohensyburg, und im Westen blitzt an einer Stelle der helle Spiegel des Rheines auf. Durch den Barmer Wald weiter wandernd nach Westen, gelangen wir zur Kaiser Friedrich-Höhe, wo wir ziemlich in der Mitte über dem langgezogenen Häusermeer der beiden Städte stehen. Wieder ein anderes Bild entfaltet sich uns auf den Höhen, die im Westen von Elberfeld, nördlich und südlich, aufsteigen. Wir blicken nach Osten in die Längsrichtung des ganz von Häusermassen angefüllten Wuppertales. Im Nebel der Ferne verschwinden die letzten Häusergruppen. Nach Westen aber dehnt sich endlos die weite Rheinebene mit ihren Städten, Dörfern und einzelnen Gehöften aus, und mehr als an einer Stelle blinkt der Spiegel des Rheines auf.
Der Eisenbahnzug entführt uns aus dem Wuppertale, er eilt westwärts durch die Rheinebene, deren Bild wir von der Höhe schauten, ein großes Stadtbild erscheint vor uns, und bald fahren wir in den Hauptbahnhof von Düsseldorf ein.
Düsseldorf.
Düsseldorf (260000 Einw.) erhielt seinen Namen von dem kleinen Düsselbache, an dessen Mündung die Stadt aufblühte, und dem sie den Schmuck der vielen schönen Teiche verdankt. Im Jahre 1159 wurde der Ort zuerst genannt. Als die Grafen von Berg ihn zu ihrer ständigen Residenz wählten, erlangte er politische Bedeutung. Besonders der prachtliebende Kurfürst Johann Wilhelm aus dem Hause Pfalz-Neuburg, der von 1690 bis 1716 regierte, hat viel für das Aufblühen und den Schmuck der Stadt getan. In der Altstadt steht auf dem Markt, vor dem 1570 bis 1573 erbauten, 1885 zum Teil aber erneuerten Rathause sein überlebensgroßes Reiterstandbild ([Abb. 181]). Es ist in Zinkbronze gegossen und wurde 1711, wie eine Inschrift sagt, von der Bürgerschaft, in Wirklichkeit aber von dem etwas eiteln Kurfürsten selbst errichtet. Sein Nachfolger verlegte die Residenz nach Mannheim. Aber was Düsseldorf hierdurch einbüßte, gewann es doppelt durch die Gründung der Kunstakademie, die im Jahre 1767 erfolgte. Es wurde, besonders seit Erneuerung dieser wichtigen Stiftung im Jahre 1818, der Mittelpunkt des rheinischen und auch eine Hauptstätte des deutschen Kunstlebens. Schon ein Gang durch die mit vielen Prachtbauten geschmückte Stadt verrät uns, daß ihr die Musen der Kunst freundlich lächelten. Noch weihevoller ist der Willkomm, den uns das Äußere und Innere der städtischen Kunsthalle ([Abb. 182]) darbietet, die 1881 im Stil französischer Renaissance erbaut wurde; vor derselben steht das Bismarckdenkmal. Die Fassade der Kunsthalle ist mit dem großen Mosaikbilde „Die Wahrheit als Grundlage aller Kunst“ geschmückt, im Treppenhause führen Fresken von Gehrts die Geschichte der Kunst vor, und in den Sälen sind viele wertvolle Bilder von neueren Düsseldorfer Malern zur Schau ausgestellt. Das stattliche, 1879 bis 1881 ebenfalls im Renaissancestil aufgeführte Gebäude der Kunstakademie ([Abb. 183]) begrenzt die Altstadt im Norden und zeigt mit 158 m langer Fassade nach den schönen Anlagen des Hofgartens hin. Zwei Jahre nach der Gründung der Kunstakademie, 1769, wurde dieser angelegt, aber 1804 bis 1813 nach Beseitigung der Festungswerke erweitert. Keine rheinische Stadt kann eine solche herrliche Gartenanlage aufweisen. Alte Baumriesen spiegeln sich in blinkenden Teichen, auf denen weiße Schwäne in stolzer Ruhe daherschwimmen und buntgefiederte Enten ein lustigeres Wasserleben führen, wohlriechende Gebüsche umschatten Ruhebänke, die zu kurzer Rast einladen, und über frischgrüne Rasenflächen und buntfarbige Blumenbeete schweift unser Auge zu den Springbrunnen hin, die in der Ferne ihr plätscherndes Spiel treiben. Der Hofgarten reicht nach Osten bis zu dem Malkasten ([Abb. 184]), dem Gesellschaftshause des gleichnamigen, seit 1848 bestehenden Künstlervereins, nach Westen bis zum Rheine, über dessen breite Wasserfläche sich seit 1898 eine feste Brücke spannt. Erwähnung verdienen noch das Kunstgewerbemuseum, das schöne Stadttheater, die vor der Kunsthalle aufgestellte Bismarckstatue, das in der Alleestraße 1896 errichtete Reiterstandbild Wilhelms des Großen und das hinter den Anlagen am Schwanenspiegel und Kaiserteich gelegene Ständehaus ([Abb. 185]), in dem der rheinische Provinzial-Landtag seine Sitzungen abhält. In neuerer Zeit ist Düsseldorf auch der Sitz einer bedeutenden Industrie geworden. So vereinigt es in sich den Geist der Kunst, das Bild des Schönen mit dem Trieb des Nützlichen, eine Verknüpfung, die im ganzen rheinischen Leben zum Ausdruck kommt und den Bewohnern Rheinlands wie ein glückliches Schicksal schon durch die Landesnatur, durch die herrlichen Bilder der Landschaft und durch die reiche Gunst des Heimatbodens vorgezeichnet ist.