Abb. 187. Das Rathaus in Aachen nach seiner Wiederherstellung. (Zu [Seite 184].)

Aachen.

Nach dem Besuche Düsseldorfs soll die alte Kaiserstadt Aachen (150000 Einw.) unsern Abschiedsgruß aus dem schönen Rheinland empfangen, so wie Frankfurt, der Kaiserstadt am Main, unsere ersten Grüße galten. Der Geist der Geschichte fängt auch dort an zu leben, obschon sie weniger Spuren als in Trier, Köln und selbst in Frankfurt hinterlassen hat und das heutige Aachen eine durchaus moderne Stadt mit breiten, zum Teil prächtigen Straßen, mit glänzenden Kaufläden und großartigen Fabriken ist. In römischer Zeit führte die Stadt den Namen Aquisgranum; in fränkischer Zeit war sie, wohl infolge ihrer heißen Quellen und ihrer schönen Lage in fruchtbarem Tal, von sanft ansteigenden, waldgeschmückten Höhen umgeben, der Lieblingsaufenthalt und Herrschersitz des Kaisers Karls des Großen, dann ward sie die Krönungsstadt der deutschen Kaiser, in der dreißig Kaiser, Karls des Großen Sohn, Ludwig der Fromme, als der erste und Ferdinand I. (1531) als der letzte, gekrönt wurden; im Mittelalter wurde Aachen als Reichsstadt meist „des hl. römischen Reiches königl. Stuhl“ (urbs Aquensis, urbs regalis, regni sedes principalis, prima regum curia) genannt, und in französischer Zeit hieß es Aix-la-Chapelle. In diesem Wandel der Zeiten sah Aachen keine solch glanzvolle Entfaltung wie Trier, Köln und Frankfurt. Aber der Ruhm, der aus der Herrschergröße Karls des Großen strahlt, hat dauernden Glanz. Das Aachener Münster versetzt uns in die karolingische Zeit. Der merkwürdige Bau ([Abb. 186]) besteht aus zwei Hauptteilen, die eine ganz verschiedene Bauart zeigen. Der eigenartige, achteckige Kuppelbau in der Mitte ist das bedeutendste Denkmal karolingischer Baukunst; er wurde unter Karl dem Großen in den Jahren 796 bis 804 als Hof- und Staatskirche des fränkischen Reiches nach dem Vorbilde von S. Vitale zu Ravenna erbaut. Vom Papst Leo III. wurde sie geweiht. Den achteckigen Bau umgeben mehrere Kapellen aus späterer Zeit, und neben der Eingangshalle steht ein neuerer gotischer Glockenturm. Auf der Ostseite aber schließt sich an den Kuppelbau das hohe, in reichem gotischen Stile erbaute Chor, dessen Bau 1353 begonnen und 1413 vollendet wurde. In Innern des Kuppelbaues, des Oktogons, bewundern wir die kunstvollen Säulen und Kapitäle, sowie das schöne Mosaikbild, das seit 1882 wieder wie früher die Decke schmückt, und den von Kaiser Friedrich I. geschenkten Kronleuchter, der einen Durchmesser von 4 m hat. Auf der Empore des Oktogons steht der marmorne Thron Karls des Großen. Der reiche Domschatz des Münsters enthält neben wertvollen Kunstschätzen die Aachener Heiligtümer, die alle sieben Jahre öffentlich ausgestellt werden. An dem Chorbau fallen besonders die riesigen, 27 m hohen und 5 m breiten, mit farbenprächtigen neuen Glasgemälden geschmückten Fenster auf. Das zweite hervorragende Baudenkmal Aachens aus dem Mittelalter, unmittelbar neben diesen kirchlichen gelegen, ist das von zwei hohen Türmen flankierte stattliche Rathaus ([Abb. 187]), dessen gotischer Bau an der Stelle und mit Benutzung von den Resten der einstigen Kaiserpfalz der Karolingerzeit um das Jahr 1330 errichtet und in jüngster Zeit renoviert wurde. Von neueren Bauten sind die Technische Hochschule, das großartige Postgebäude und der Kursaal, der hinter dem aus dem Jahre 1782 stammenden Kurhause in den Jahren 1863/64 im maurischen Stile erbaut wurde. Seinen Ruf als Badestadt verdankt Aachen den berühmten heißen Schwefelquellen und seiner schönen Lage inmitten waldgeschmückter Berge, die schöne Spaziergänge bieten, und von denen man, besonders vom Lousberg, einen prächtigen Blick auf die gewerbreiche Stadt genießt, die gleich dem benachbarten, jetzt eingemeindeten Burtscheid eine bedeutende Tuch- und Nadelindustrie besitzt.

[C] Heer, Im Deutschen Reich, Reisebilder.

[D] Vergl. meine Landeskunde der Rheinprovinz, Verlag von W. Spemann, Stuttgart und Berlin, 1901.

X. Der rheinische Weinbau.

Der rheinische Weinbau.

Unter den Weinen der Erde nehmen die deutschen Weine eine ganz eigenartige Stellung ein, und unter den deutschen zeichnen sich wieder am meisten die Rheinweine, die von Worms bis Bonn wachsen, durch ihre Eigenart aus. Die Weinrebe ist eine Tochter südlicher Länder. Fern in Kolchis’ üppigem Pflanzengarten, an den Südwestgehängen des Kaukasus, rankt sie noch heute wild, bis zu den obersten Zweigen hoher Bäume emporkletternd und Girlanden nach allen Richtungen sendend. Dort bringt sie in wildem Zustande süße und saftreiche, zur Weinbereitung brauchbare Früchte hervor. Nach unserer heutigen Kenntnis können wir nur diese klimatisch so bevorzugte Landschaft als die Heimat des Weinstocks ansehen. Allmählich eroberte die Weinrebe das ganze Mittelmeergebiet und von Italien aus zuletzt nicht bloß das schon kühlere Gallien, sondern auch einen Teil des klimatisch so wenig begünstigten Germanien. Zwei Merkwürdigkeiten, die bei anderen Kulturen bei weitem nicht in solchem Maße beobachtet wurden, traten bei der Ausbreitung des Weinbaus in die Erscheinung. Die Weinrebe blieb nirgendwo ein Kind ihrer alten Heimat, sondern überall, wo sie angepflanzt wurde, paßte sie sich dem neuen Klima an, nahm sie andere, zum Teil wertvollere Eigenschaften an. Dieser Anpassungsfähigkeit der Pflanze und dieser Charakter- und Wertveränderung ihres Produkts verdankten es die jungen Weinbauländer, daß sie mit den alten ernstlich in Wettbewerb treten konnten, ja daß sie ihnen sogar den Rang ablaufen und von ihnen einen Teil des Weltmarktes erobern konnten. Hieraus entsprang die zweite Merkwürdigkeit, daß der Weinbau stets in den jüngsten Weinbauländern die höchste, die führende Stellung einnahm. Durch eine größere Pflege vermochte man sogar eine geringere Gunst des Klimas siegreich zu überwinden. Nach Kleinasien und Griechenland ward Italien, nach Italien Frankreich das erste Weinland, und neben letzterem hat Deutschland, das jüngste Weinbaugebiet in Europa und das nördlichste auf der ganzen Erde, sich eine Stellung erobert, die in bezug auf manche Erzeugnisse unbestritten und unerreicht dasteht.