Für den deutschen Weinbau war es vielleicht gerade ein Glück, daß er nicht mit günstigen klimatischen Verhältnissen rechnen konnte. Diese zwangen zum vorwiegenden Anbau von weißen Trauben; denn die roten Trauben vermögen die kühle und nebeligfeuchte Herbstwitterung viel weniger gut zu ertragen. Die verschiedene Art der in Deutschland also vorherrschenden Weißweinbereitung von der in südlichen Ländern vorwiegenden Rotweinbereitung sicherte dem deutschen Weinbau nicht bloß seine Eigenart, sondern auch mancherlei Vorzüge. Rotwein kann nur durch Maischegärung, das heißt durch Gärung auf den Beerenhülsen geschehen. Diese müssen den roten Farbstoff liefern. Sie scheiden aber zugleich auch andere Stoffe, besonders Gerbstoffe, aus, die dem Traubenaroma schaden. Dem Weißwein dagegen, der durch Mostgärung aus dem ausgepreßten Traubensaft gekeltert wird, bleibt das köstliche Aroma der Traube erhalten, und diesem Umstande verdanken die deutschen Weine ihre unübertroffene Eigenart.

Die geringe klimatische Gunst Deutschlands bedingt es, daß in ihm zur Anpflanzung der Rebe fast nur hügeliges und bergiges Gelände, und zwar nur die der Sonne zugekehrten Abhänge benutzt werden können. Geneigte Bodenflächen werden statt unter einem Winkel von etwa 40 bis 60° unter einem solchen von 90 oder fast 90° von den Sonnenstrahlen getroffen. Besonders das Gebiet des Rheinischen Schiefergebirges besitzt in seinen zahlreichen tief eingeschnittenen Tälern viele günstige Weinbergslagen, die zugleich vor kalten Winden geschützt sind. Nicht weniger ist das schiefrige Gestein, das in dem ganzen Gebiet vorherrschend ist, für die Anpflanzung der Rebe geeignet. Es wird wegen seiner dunkeln Färbung leicht erwärmt und läßt den Regen, dessen Verdunstung neue Kälte erzeugt, schnell ablaufen. Durch eine Überdeckung der Weinberge mit losem Schiefergeröll erreichen die rheinischen Winzer ferner, daß die Wärme dem Boden erhalten bleibt und nicht in kühlen Nächten durch Ausstrahlung verloren geht.

Abb. 188. Rheinische Winzer und Winzerinnen bei der Lese. (Zu [Seite 188].)

Die Lage des rheinischen Weinbaugebietes im Westen Deutschlands, in ziemlicher Nähe des Atlantischen Ozeans, bringt für den Weinbau Vorteile und Nachteile. Ein Vorzug des ozeanischen Klimas ist, daß der Winter in den meisten Jahren ein milder ist, und daß er nicht zu früh eintritt, so daß das junge Holz der Weinstöcke gut ausreifen kann, ferner, daß im Frühjahr der neue Trieb frühzeitig beginnt. Diese letztere Gunst wird allerdings zum Verderben, wenn Spätfröste eintreten, die in manchen Lagen nur zu häufig alle Hoffnungen in einer Nacht zerstören. Gefürchtet sind besonders die Maifröste. Das Volk schreibt sie naiv den drei kalten oder bösen Heiligen Mamertus, Pankratius und Servatius zu, deren kirchliche Festtage am 12., 13. und 14. Mai gefeiert werden, und ist froh, wenn sie vorüber sind. In Wirklichkeit ist das Eintreten der Spätfröste eine Folge der stärkeren Erwärmung der mittel- und südeuropäischen Landstrecken durch die immer höher steigende Sonne. Die stark erwärmte Luft steigt nach oben, und um den luftverdünnten Raum auszufüllen, strömt kalte Luft von Norden herbei, wodurch ein tiefes Sinken der Temperatur eintritt. In engen Tälern, wie im Ahrtale, sucht man die verderblichen Wirkungen der Spätfröste durch eine Räucherwehr abzuwenden.

Eine Ungunst des ozeanischen Klimas Rheinlands für den Weinbau sind die andauernden Regenzeiten, die manche Jahre bringen. Dieselben sind besonders dann schädlich, wenn sie während der Traubenblüte, die sonnig und schnell verlaufen muß, eintreten und diese dann sehr verzögern. Ein Blick auf die Regenkarte lehrt uns jedoch, daß die besten rheinischen Weinbaugebiete, das Moseltal, das obere Rheintal, das Nahetal und der Rheingau, im Regenschatten der Eifel, des Hunsrück und des Taunus liegen.

Abb. 189. Das Abladen und Messen des Weins. (Zu [Seite 188].)

Nach einem warmen Sommer, der rechtes Sonnenglühen gebracht hat, ist noch ein schöner Herbst nötig, damit ein gutes Gewächs entsteht. Nicht zu selten bringt der rheinische Herbst das rechte, nachts kühle, am Tage aber heitere, sonnige Wetter, das die Trauben zur vollen Reife bringt. Dann lacht mit dem Himmel des Winzers Herz, der seine Weinberge nicht mehr betreten darf, aber trotzdem weiß, welche Wunderwirkung dort geheimnisvoll vor sich geht. Auch die Herbstnebel, die besonders im Rheintal morgens über den Weinbergen lagern, weiß der Winzer zu schätzen. Sie rufen die Edelfäule der reifen Trauben hervor, indem sich ein Schimmelpilz, Bortrytis cinerea, bildet, der Säuren und Gerbstoff zerstört und Verbindungen erzeugt, aus denen das wundervolle Bouquet, der Duft des Weines, entsteht.