Vorwiegend drei Traubensorten verdankt der rheinische Weinbau seinen großen Ruf: dem Riesling, der den Anspruch erheben kann, die edelste Traube der Welt zu sein, dem Österreicher, der auch Sylvaner genannt wird, und dem Burgunder. Die beiden erstgenannten Reben liefern den Weißwein, letzterer den Rotwein. Der Riesling gehört zu den harten Sorten, er reift spät und liefert Weine, die sich durch ihr herrliches Bouquet auszeichnen. Der Österreicher reift früher und gibt gute, runde und volle Qualitätsweine, denen aber der Duft der Rieslingsweine abgeht. Die rheinischen Rotweine zeichnen sich durch ein eigenartiges, würziges Aroma aus.
Die Weinlese.
Eine frohe Zeit ist im Herbst die Zeit der Lese. Dann entfaltet sich in den Weinorten Rheinlands ein lustiges Leben und Treiben. Wenn auch unser heutiges Geschlecht mit manchen schönen alten Sitten gebrochen hat, so ist doch die frohe Stimmung dieser Zeit geblieben. Sie kommt besonders dann zur Geltung, wenn die Weinstöcke einen guten Behang haben, und wenn neben einem guten Ertrag — der Winzer redet von einem halben oder dreiviertel Herbst — auch eine gute Qualität zu erwarten ist. Mit solcher Ernte ist der Winzer wohl zufrieden; kennt er doch all die Feinde, die diese hätten vernichten können, die Tücken der Witterung, die Plagen der Insekten und die Pilzkrankheiten. Helle Freude lacht aus seinem Auge, wenn er sieht, wie unter der Kraft der kochenden Sonne in den Beeren der Trauben der Saft anfängt in Wein überzugehen. Er merkt’s an dem Durchsichtigwerden der Beeren. Die Gemeindeväter bestimmen jetzt die Schließung der Weinberge. Selbst der Besitzer darf sie nicht mehr betreten. Während des ganzen Tages geben die Hüter der Weinberge scharf acht.
Endlich sind die Trauben völlig reif. Der Beginn der Lese wird öffentlich bekannt gemacht. Böllerschüsse künden den bedeutungsvollen Tag an, und Glockenklang läutet ihn feierlich ein. So ist es wenigstens noch in vielen Rheinorten.
Mit Jubel im Herzen steigt das Winzervölkchen hinauf in die Weinberge. Die Sonne hat die Herbstnebel zerstreut, und herrlich blickt’s sich hinab in das liebliche Rheintal. Dort unten liegt das Heimatörtchen, so traut gebettet am Ufer des blinkenden Stromes und umgeben von den Gruppen der Obstbäume. Dort das Kirchlein mit dem alten, moosigen Schieferdache! Selbst das eigene Wohnhäuschen ist zu sehen. Bald sind schon die ersten Tragkörbe voll Trauben gepflückt. Die starken Burschen tragen sie hinab. Dort unten hält auf dem Wege ein Ochsengespann. Große Bottiche stehen auf dem Wagen, die die süße Last aufnehmen sollen. Wie flink springen die Burschen die vielen Stufen des Bergpfades hinab! Voll Lust schwenken sie die Mützen, nach oben und nach unten grüßend. Dort oben aber, bei der Lese, sind bald die Mädchen in fröhlicher Stimmung. Das Tal erklingt von frohen Weisen, bis ein Scherzwort alle zum Lachen bringt und den Gesang verstummen macht ([Abb. 188] u. [189]).
Auch in dem Kelterraum der Winzerhäuser herrscht geschäftiges Leben. Die ankommenden Bottiche werden in die Presse geleert. Schon fließt der Traubensaft, der süße Most, heraus. Wie herrlich er schmeckt! Die Oechslesche Wage zeigt ein hohes Mostgewicht an. Das gibt ein Weinchen! so schmunzelt der Alte, der von vielen guten Weinjahren, doch auch von schlechten zu erzählen weiß ([Abb. 190], [191] u. [192]).
Nach etwa acht Tagen fängt der Most an zu gären. Er verliert seinen süßen Geschmack und nimmt einen bitteren an. Zugleich wird seine Farbe milchig trübe. Der erfahrene Winzer weiß schon am Federweißen, wie der Most jetzt heißt, herauszuschmecken, wie der spätere Wein wird. Mit der fortschreitenden Gärung entsteht aus dem Federweißen der junge Wein. Erst nachdem dieser geklärt ist und genug gelagert hat, kommt er in den Handel. Im Frühjahr beginnen die Weinhändler, die Wirte, die Kasinos, ihre Weineinkäufe zu machen, und in manchen Weinorten, wie in Bingen, Mainz, Rüdesheim, Kloster Eberbach, Kreuznach, Trier, Traben-Trarbach, Bernkastel und Coblenz finden dann öffentliche Weinversteigerungen statt. Dann klingen die Taler in des Winzers Tasche, fast noch heller als vorher das Jauchzen in seiner Brust.
Nach Beendigung der Weinlese wurden in früherer Zeit in vielen Weinorten öffentliche Winzerfeste gefeiert. Das einzige Winzerfest, das sich im Rheinland erhalten hat, findet in Winningen, einem blühenden Weinorte an der unteren Mosel, statt. Es wird in allen guten Weinjahren gefeiert. Der Verlauf eines solchen Festes wird folgendermaßen geschildert[E]: „Auch in diesem Jahre ist an der Mosel der Wein gut geraten, und deshalb wird in dieser Woche das Winzerfest ganz der alten Tradition getreu begangen. Es bildet sich die sogenannte ‚Kompanie‘; junge, unbescholtene Leute treten zusammen, bringen die Kosten für das Fest auf und liefern das Fleisch, das während der Festtage verzehrt wird. Die Mädchen bringen den Wein zusammen, und nun beginnt das Fest damit, daß die jungen Leute im schwarzen Anzug, mit Zylinder und weißen Handschuhen, die weißgekleideten, mit Blumen geschmückten Mädchen einzeln mit Musik am Hause abholen. Vor dem Hause jedes einzelnen Mädchens wird ein Ständchen gebracht. Sind alle Paare zusammen, so geht es im Zuge zum Bürgermeister, dann ins Festlokal. Hier wird getanzt und neuer Wein, der heute schon federweiß ist oder, wie man hier sagt, ‚schierpst‘, in großen Mengen getrunken. Abends geht es wieder im Zuge mit Windlichtern in ein anderes Lokal, wo das Abendessen eingenommen wird. Wie vor hundert Jahren besteht das Tischgerät aus Zinn: zinnernen Schüsseln, Tellern und Trinkbechern, die meist mit Denksprüchen geziert sind. Reden und Gesänge würzen das Mahl. Nach dem Essen, zu dem nur wenige fremde Gäste geladen werden, geht es wieder zum Tanzlokale zurück. Das dauert die ganze Woche durch, bis — der Wein alle ist. Hält die Feststimmung an, so wird auch weiter Wein gesammelt. Heuer bilden 48 Paare die ‚Kompanie‘. Tausende von Zuschauern von nah und fern strömen in dem freundlichen Moselorte zusammen.“
Abb. 190. Erste Probe. (Zu [Seite 188].)