Berühmte Weinorte.

Besuchen wir nun die berühmtesten Weinbaustätten Rheinlands auf flüchtiger Wanderung, um all die Weingeister kennen zu lernen, die sich Prinzessin Rebenblüte auf rheinischem Boden als ihren Stab erzog. Auf sonnigem Hang sind diese Geister geboren, als Kobolde hüten sie des Kellers Schätze, und neckend betören sie die frohgestimmten Zecher. Durch sechs sonnige Reiche führt uns Prinzessin Rebenblüte, und in jedem wartet sie unser mit neuem Gefolge. Das erste Reich, das sie uns, wenn wir von Süden kommen, zeigt, ist das schöne Hessenland. Dort ist fast kein Ort, der nicht seine Rebengärten hat. Etwa 270000 hl beträgt der jährliche Weinertrag Rheinhessens. Das Gelände ist von plateauartigem Charakter mit hügeliger Oberfläche, und auf zwei Seiten, nach Osten und Norden, fällt es zum Rhein ab. Die besten Weine wachsen an diesem äußeren Rande, so bei Worms die weltbekannte Marke Liebfrauenmilch, weiter nördlich der Niersteiner, Bodenheimer, Laubenheimer, Oberingelheimer, der Schwarzberger vom Rochusberge und der Schloßberger bei Bingen. Im Innern jenes Weinreichs werden nur kleine Weine gezogen, die im Lande selbst auch wohl Pfälzer genannt werden. Der Anbau von Weißweinen wiegt vor. Die Hauptsorte ist der Österreicher. Für feinstes Gewächs kommt noch der Riesling in Betracht. Der höchste Preis, der bisher für rheinhessische Weine bezahlt wurde, war 13660 Mark für ein Stück von 1200 l 1893er Niersteiner. Einen sehr geschätzten Rotwein baut Oberingelheim, wo schon Karl der Große den Weinbau pflegte.

Abb. 191. Kelter alter Art (vom Jahre 1650). (Zu [Seite 188].)

Rheinweine.

Drüben auf der anderen Rheinseite steht schon Prinzessin Rebenblüte, bereit, uns ihr zweites Sonnenreich zu zeigen. Glänzender ist ihr Stab, und so viele fürstliche Namen werden uns genannt, daß wir nur zögernd der Einladung folgen. „Rheingau“ heißt dieses Rebenreich. Es ist nur klein, soweit es mit Reben bepflanzt ist, noch nicht 2000 ha groß. Selbst bei ergiebigen Jahrgängen beträgt die Ernte nur 70–80000 hl. Im Durchschnitt der Jahre ist sie wohl kaum halb so hoch zu rechnen. Gute Jahrgänge stellen aber durch die Qualität des Weines einen fürstlichen Reichtum dar. Wurden doch für 600 l 1893er Auslese 17570 Mark, für das Stück also 35140 Mark gezahlt. Es war ein halbes Stück Steinberger, das der Kaiserliche Hof im Mai 1896 in Wiesbaden für diesen ungeheuren Preis ersteigerte. Um den ersten Rang unter den Rheingauer Weinen streiten sich Johannisberger und Steinberger. Als das drittedelste Gewächs pflegt man den Rauentaler, als das viertbeste den Marcobrunner zu bezeichnen. Etwa im gleichen Rang mit den dann folgenden Marken Gräfenberger und Schloß Vollradser steht der Rüdesheimer Berg. Auch den Geisenheimer Rotenberg und den Winkler Hasensprung dürfen wir nicht vergessen, und in Wiesbaden schätzt man noch den Neroberger sehr hoch. Nach dem Hochheimer, der weiter östlich wächst, werden von den Engländern alle deutschen Weine „Hock“ genannt. Aßmannshausen baut den besten deutschen Rotwein. Sowohl Weinbau als auch Weinbereitung und Weinpflege sind im Rheingau musterhaft. Große Weingüter geben überall ein gutes Vorbild. Man kann den Rheingau das klassische Anbaugebiet der Rieslingsrebe nennen. Diese entfaltet in dem vorzüglichen Weinbergsboden und in der nebeligen, für die Trauben günstigen Herbstwitterung Eigenschaften wie sonst nirgendwo. Die bei guten Jahrgängen erzielten Rheingauer Auslesen stehen ohnegleichen da in der ganzen Welt. Im Rheingau, und zwar in Hochheim, Schierstein, Eltville, Geisenheim und Rüdesheim, hat auch die deutsche Schaumweinbereitung ihren Hauptsitz genommen.

Naheweine.

Es war zuviel des Herrlichen, das Prinzessin Rebenblüte uns in ihrem schönsten Rebenreiche zeigte. Und wie uns das Herz vor Wonne fast verging, wenn so goldiger Tropfen duftig im Glase perlte, so hauchte des Weines fröhliche Kraft auch den Rheingauern eine sprudelnde, fast übermütige Fröhlichkeit ins Herz. Schwer fällt uns das Scheiden aus dem wonnigen Lande, aus den schmuckvollen Orten. Bei Rüdesheim öffnet sich uns die große Rebenstraße des Rheines. Doch wir lassen den Rhein, den stolzen, fahren und greifen nach dem duftenden Pokal, den uns sein Töchterlein, die Nahe, mit schelmischen Augen reicht; denn gefährlich ist der Nahewein für manchen Zecher. Wir schlürfen den Kauzenberger, Kreuznachs edelsten Wein, und im Zwielicht hinüberschauend nach den gespensterhaften Umrissen des trotzigen Rheingrafenstein, glauben wir den trunkfesten Ritter zu sehen, der mit gewaltigem Stiefeltrunke in einer Wette das ganze Dorf Hüffelsheim gewann. Der Umfang des Weinbaues an der Nahe ist ziemlich bedeutend. Der Kreis Kreuznach mit seinen 55 weinbautreibenden Orten und einer Anbaufläche von 3500 ha, das ist der doppelten des ganzen Rheingaues, hat sogar den bedeutendsten Weinbau im Deutschen Reiche. Der mittlere Gesamtertrag an der Nahe und in den zugehörigen Bezirken wird auf 90–100000 hl geschätzt. Es wird fast nur Weißwein gezogen, und zwar in gemischten Rebensatz, wobei aber der Österreicher vorherrscht. An der unteren Nahe wachsen mehr volle, kräftige und feurige Weine, die den Rheinweinen nahe kommen, an der oberen flüchtige, rassige, lichtfarbige, die den Moselweinen ähneln. Kreuznach ist der Mittelpunkt des Weinbaues und des Weinhandels. Außer dem Kauzenberger sind Roxheimer, Norheimer, Sobernheimer, Langenlonsheimer und Münsterer bekannte Naheweine.

Abb. 192. Hydraulische Kelter (moderner Betrieb). (Zu [Seite 188].)