Mosel-, Rhein- und Ahrweine.
Die Rheinfahrt, zu der uns nun Prinzessin Rebenblüte mit großem Gefolge zur Besichtigung der drei anderen Rebenreiche, des Rhein-, Mosel- und Ahrtals, ladet, ist eine Triumphfahrt, an die alle, die vielen Tausende, die alljährlich sie machen, mit wonnetrunkenen Herzen gerne zurückdenken. Wer in größerer Gesellschaft reist, kann auf dem Dampfer, der vorzügliche Weine an Bord hat, eine lustige und gründliche Weinprobe machen, indem er jedesmal die Weinsorten aus dem Bauche des Schiffes heraufholen läßt, die uns die in Sicht kommenden Weinorte lieferten. Rebenbekränzte Berge überall, wohin das Auge schaut, und stolze Ritterburgen blicken hinab ins Tal, wo in stiller Ruhe die Weindörfchen und Weinstädtchen liegen. Des lieblichen Rotweines von Aßmannshausen gedachten wir schon bei den Rheingauer Weinen. Lorch spendet seinen Bodentaler, das alte Städtchen Bacharach seinen Bacharacher und den weltbekannten Steeger, der in einem Seitentale wächst, und Oberwesel seinen Enghöller. Dann schauen wir hinauf zu Boppards stattlichen Rebengeländen, grüßen die zwischen Ober- und Niederlahnstein einmündende Lahn, deren Uferwände nur bei Runkel etwas Rotwein hervorbringen, und biegen dann bei Coblenz in das weinreiche Moseltal ein. Auf jährlich etwa 200000 hl wird dessen Produktion geschätzt, wobei die Saarweine mitgerechnet sind. Das enge Rheintal bringt zusammen mit dem kurzen Ahrtal wenig mehr als 50000 hl hervor.
Bald begleiten uns an der Mosel wieder Rebenberge zu beiden Seiten, und was sie spenden, wir wollen es nicht verachten, wenn auch manches Tröpflein, besonders an der unteren Mosel, etwas sauer schmeckt. Ein Spaßvogel will uns gar erzählen, der Nachtwächter gebe nachts um zwölf Uhr den Leuten ein Zeichen, und die es hörten, legten sich dann auf die andere Seite, damit der Wein ihnen die Magenwand nicht durchbeiße. Doch in Winningen vergessen wir beim Trank des köstlichen Weines diesen Spott und kosten wir erst an der mittleren Mosel den Zeltinger, den Graacher, den Lieserer, den Erdener, den Piesporter, den Brauneberger, den Josephshöfer, den Ohlingsberger und vor allem den weltberühmten Bernkasteler Doktor, so sind wir voll des Preises und möchten nicht mehr weiter ziehen. Wie das duftet aus dem Glase! Das wundervolle Bouquet der besseren, die ziemlich bedeutende Säure der geringeren Sorten sind die hervorstechendsten Eigenschaften des Moselweines. Noch Lieblicheres wollen die Mosel und ihre beiden Töchter, Ruwer und Saar, uns kredenzen, den Kaseler, der im Ruwertal wächst, Grünhäuser und Kartäuser bei Trier und Scharzhofberger, Wawerner Herrnberger, Bocksteiner, Geisberger und Oberemmeler bei Saarburg sind der reinste Göttertrank, bouquetreich und voll Kraft.
Zurückkehrend zum Rhein, um auch dessen letzte Rebengefilde noch zu besuchen, will uns zuerst der Wein nicht schmecken, bis wir in den Winzervereinen wieder etwas Begeisterung schöpfen. Nur mittlere und geringere Weine werden auf der Strecke von Coblenz bis Bonn gezogen. Neben dem Weißweinbau tritt dort auch der Rotweinbau stark auf. Die Rotweine führen den Namen „Rheinbleicherte“, weil sie in früherer Zeit eine helle Färbung hatten. Der Dattenberger, der bei Linz wächst, dürfte unter ihnen der beste sein. Noch einmal soll uns des Weines ganze Herrlichkeit aufgehen. Des romantischen Ahrtals, dessen Weinpoesie Arndt, Kinkel und andere besungen haben, weltberühmte Weinorte Bodendorf, Heimersheim, Ahrweiler, Walporzheim, Dernau, Rech, Mayschoß und Altenahr laden uns zu Gast, und in den trefflich geleiteten Winzervereinen laben wir uns an dem kräftigen, würzigen Rotwein, Ahrbleichert genannt. Auf dem Drachenfels schlürfen wir dann mit dem Drachenblut den letzten Rest der Weinpoesie Rheinlands. Und auf den Mauertrümmern der Drachenburg sitzen wir und schauen in traumhaftem, seligem Erinnern noch einmal zurück auf diese Wanderung durch die sonnigen Weinreiche des Rheines. Prinzessin Rebenblüte mit ihrem Gefolge aber nimmt Abschied und läßt allein uns weiterziehen nach dem kalten, frostigen Norden.
[E] Frankfurter Zeitung, 1. Dezember 1900.
Literatur.
A. Penck, Das Deutsche Reich, in der Länderkunde Europas, herausgegeben von A. Kirchhoff. Prag und Leipzig 1887.
v. Dechen, Erläuterungen der geologischen Karte der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen. 2 Bde. Bonn 1870 u. 1884.
A. Philippson, Entwicklungsgeschichte des Rheinischen Schiefergebirges. Verhandl. d. VII. Internat. Geographen-Kongresses. Berlin 1899. — Sitzungsber. d. Niederrh. Gesellsch. f. Natur- u. Heilkunde zu Bonn v. 18. Sept. 1899.
— Zur Morphologie des Rheinischen Schiefergebirges. Verhandl. d. XIV. Deutschen Geographentages. Köln 1903.