Am 6. Juli beauftragt Herr v. Jagow den Geschäftsträger in Bukarest, in diesem Sinne mit dem König von Rumänien zu sprechen, und den Gesandten in Sofia, die Schritte des österreichisch-ungarischen Gesandten zu unterstützen[22]. Als sich Graf Berchtold nach wenigen Tagen die Sache mit Bulgarien anders überlegt und die Aktion zu vertagen für gut findet, winkt Herr v. Jagow sofort auch seinen Leuten in Bukarest und Sofia ab[23]. Nach den Ultimaten an Rußland und Frankreich dringt nun Berlin am 1. August auf die Verständigung mit Bulgarien, und diese nähert sich denn auch noch in den ersten Augusttagen ihrem Abschluß[24]. Beim König von Rumänien dagegen holt sich der deutsche Gesandte mit den Berchtoldschen Projekten einen Korb und eine unerfreuliche Lektion. König Carol sagt ihm am 10. Juli, „in Wien scheine man den Kopf verloren zu haben“, über den Grafen Berchtold selbst sprach sich der König „nicht gerade schmeichelhaft“ aus, die Hauptschuld an allem Übel trügen die „gewissenlosen Preßtreibereien“, „auch in Österreich müsse auf die Presse gewirkt werden, damit diese nicht allzusehr gegen Serbien hetze. Sasonow (mit dem der König kurz vorher im Juni in Constantza anläßlich des Zarenbesuches zusammengekommen war) habe ihm gesagt, Rußland denke nicht daran, einen Krieg zu führen.“ Der König empfahl eine Demarche in Petersburg, damit von dort aus auf Serbien ernst eingewirkt werde. Er selbst erklärte sich gleichfalls bereit, „einen Druck auf Serbien auszuüben“. Alle diese Warnungen und Anregungen des sonst in Berlin so hoch angesehenen Königs Carol wurden von der deutschen Regierung in den Wind geschlagen. Selbst der Befehl des Kaisers, diesen Bericht des Bukarester Gesandten den Botschaften in Wien, Rom und Petersburg weiterzugeben, blieb unausgeführt[25]. Die Berliner Regierung hat eine heilige Scheu, die Kreise des großen Staatsmannes am Ballplatz zu stören, und gar auf Serbien via Petersburg einzuwirken, wäre eine schwere Kränkung für den Grafen Berchtold gewesen, der auf eine Überrumpelung Serbiens und dessen Intransigenz seine Rechnung gestellt hatte.

Sehr aufregend gestalteten sich die Verhandlungen mit Griechenland, die der deutsche Kaiser selbst in einem Telegrammwechsel mit dem König von Griechenland führte. König Constantin lehnt zunächst am 27. Juli die Berliner Pläne ab, mit der einfachen Begründung, daß er und sein Volk „keinen Krieg“ wollen. Darauf beschwört der Kaiser am 30. Juli seinen Schwager, den jüngst ernannten preußischen Generalfeldmarschall König Constantin, beim Andenken seines ermordeten Vaters, nicht „gegen meine Person und den Dreibund für die serbischen Meuchelmörder Partei zu ergreifen“, und droht ihm sogar für den Fall des Widerstandes mit einer dauernden Schädigung ihrer persönlichen Beziehungen. Constantin wünscht aber, neutral zu bleiben, und sträubt sich in seinem Telegramm vom 2. August mit aller Macht dagegen, nun plötzlich seine ganze politische Richtung zu ändern, dem Erbfeind Griechenlands, Bulgarien, zu einer Machterweiterung zu verhelfen, „über die Serben herzufallen, da sie einmal unsere Verbündeten sind“, und den Bukarester Frieden, dessen Dauerhaftigkeit Wilhelm II. selbst in seinem solennen Telegrammwechsel mit Carol erst im August 1913 garantiert hatte, umzustoßen. „Von dem ist jetzt nicht mehr die Rede“, schreibt der Kaiser, an dessen Wort man nicht deuteln soll, an den Rand dieses Telegramms, der „Balkan marschiert“, fügt der große Friedenskaiser in befehlendem Ton hinzu, er antwortet dem griechischen König nicht mehr selbst, sondern läßt ihm nur durch seine Regierung ankündigen, daß, wenn er „nicht jetzt sofort mitgeht“, er „als Feind behandelt“ werden wird[26]. Hier dient also der deutsche Kaiser persönlich als Zutreiber für den kriegssüchtigen Grafen Berchtold. Auch bei der Türkei sieht der Vielgeschäftige persönlich nach dem „Rechten“. Hier stößt die papierene Kombination der Ballplatz-Weisen auf eine ganz neu erwachsene Schwierigkeit. Herr v. Jagow selbst, den Graf Berchtold am 14. Juli um seine Meinung fragen läßt, ist nämlich entschieden dagegen, die Türkei in diesem Zeitpunkt an den Dreibund heranzuziehen[27]. Auch der deutsche Botschafter in Konstantinopel beeilt sich, am 18. Juli die Berliner Regierung davor zu warnen, indem er darlegt, daß die Türkei derzeit „vollkommen bündnisunfähig“ sei[28]. Doch Graf Berchtold, der Tonangebende, siegt. Der Kaiser entscheidet am 24. von der hohen See aus, wo er gerade seine Erholungsreise macht, selbstverständlich, ohne seinen Ministern auch nur formell Gelegenheit zur Raterteilung zu geben, „trotz bestehender Zweifel über die Bündnisfähigkeit der Türkei“, „aus Opportunitätsgründen die Geneigtheit der Türkei zum Dreibundanschluß zu benützen[29]“. So wird denn dieses Bündnis auch am 2. August geschlossen[30]. Der Verlauf des Krieges hat die Zweifel des Konstantinopler Botschafters gerechtfertigt. Blind und taub folgt Berlin der Führung Wiens. Auch die Warnungen des deutschen Botschafters in London, ihres wichtigsten Berichterstatters, schlägt die Berliner Regierung in den Wind. Diesem kündigte bereits ein Erlaß vom 12. Juli „ernstere Maßnahmen gegen Serbien“ an, die „zu allgemeinen Komplikationen führen könnten“. Der Diplomat verstand, was die Euphemismen „ernstere Maßnahmen“ und „allgemeine Komplikationen“ zu bedeuten hatten: „Krieg gegen Serbien“ und „Weltkrieg“. Der Londoner Botschafter Fürst Karl Lichnovsky, der in allen seinen Berichten ein richtiges, durch die Tatsachen nachträglich nur allzu traurig bestätigtes Urteil zeigt, warnt die Berliner Regierung sofort am 14. Juli vor Illusionen über die Haltung der englischen Regierung und der englischen Presse[31]. Herr v. Jagow repliziert am 15. Juli[32]. Lichnovsky verschärft am 15. Juli seine Warnungen[33]. Zu dieser Depesche schreibt Herr v. Jagow an den Rand: „Das ist leider alles richtig“, verfolgt aber — noch mehr müssen wir nachträglich „leider“ sagen — seine von Wien inspirierte, von ihm selbst als falsch erkannte Politik weiter, ohne Lichnovskys Warnungen auch nur nach Wien weiterzugeben. Ist das noch bona fides, ist das Treue, ist das Ehrlichkeit?

Berlin erweist sich nach jeder Richtung des Vertrauens des Grafen Berchtold würdig. Seine Eingeweihtheit in die Wiener Pläne benützt der Reichskanzler, um den Ententemächten bei den kommenden Verhandlungen einen kleinen Vorsprung abzugewinnen. Schon am 21. Juli, also zwei Tage vor Überreichung des Ultimatums, erläßt Herr v. Bethmann einen ausführlichen Zirkularerlaß an die Botschafter in Petersburg, Paris und London, worin er sie über die Pläne der Wiener Regierung — irreführt. Er versichert ihnen, um sie für die kommenden Verhandlungen zu instruieren, daß die Forderungen der österreichisch-ungarischen Regierung an Serbien als „billig und maßvoll angesehen werden können“, und — der Heuchler! — spricht die „Befürchtung“ aus, die böse serbische Regierung könnte diese maßvollen Forderungen ablehnen und Österreich-Ungarn „provozieren“, wo doch der Reichskanzler sehr gut weiß, daß die Forderungen von Wien absichtlich unannehmbar formuliert worden sind, und Wien einen Krieg mit Serbien unter allen Umständen will, den er selbst durch Bündnisverhandlungen mit den anderen Balkanstaaten und Passivität gegenüber Serbien gut vorzubereiten so eifrig bestrebt ist. Daß ein Reichskanzler die eigenen Botschafter irreführt, um der Wiener Regierung zu helfen, geht doch wohl über alles erdenkliche Maß von „Nibelungentreue“ hinaus. Um übrigens die Lüge, daß er das Ultimatum vor seiner Überreichung nicht gekannt habe, aufrechterhalten zu können, hat Herr v. Bethmann diesen Erlaß vom 21. Juli 1914 im deutschen Weißbuch vom Mai 1915 auf den 23. Juli nachdatiert[34]! Das geht noch über die Selbstverleugnung des Herrn v. Jagow! Dieser erachtete übrigens ganz untergeordnete Gelegenheiten seiner nicht für unwürdig, um sich dem großen politischen Denker in Wien, dem Grafen Berchtold, nützlich zu erweisen. Eines Tages hörte Herr v. Jagow, daß das Ultimatum erst unmittelbar nach der Abreise Poincarés von Kronstadt in Belgrad überreicht werden sollte. Diese Schlauheit gefällt ihm. Sie muß gelingen. Aber Herr v. Jagow fürchtet die bekannte Wiener Schlamperei. Deswegen erkundigt er sich selbst beim deutschen Botschafter in Petersburg und beim Admiralstab der deutschen Marine nach der Stunde der Abfahrt Poincarés von Kronstadt und macht dann Wien darauf aufmerksam, daß es sich tatsächlich verrechnet hatte, da es die Überreichung des Ultimatums für 5 Uhr nachmittags am 23. Juli angesetzt hatte; denn dann würde die Demarche „noch während der Anwesenheit Poincarés in Petersburg bekannt werden“. Für diesen Wink — den zweiten des Herrn v. Jagow in diesem Stadium der Aktion — erwies sich Wien dankbar und verschob in der Tat die Übergabe des Ultimatums um eine Stunde, d. i. auf 6 Uhr abends[35].

Darnach kann man schon beurteilen, wie viel von der Behauptung des deutschen Weißbuches (1914) zu halten ist, die Herr v. Jagow in seine Rechtfertigungsschrift übernimmt[36]: „Wir haben an den Vorbereitungen (zur Aktion Österreich-Ungarns gegen Serbien) nicht teilgenommen.“ Fast ein ganzer Band, der erste Band der von der republikanischen Regierung Deutschlands publizierten „Dokumente zum Kriegsausbruch“ ist den diplomatischen Noten gewidmet, die die deutsche Regierung in Sachen der serbischen Aktion vor der Überreichung des Ultimatums nach allen Windrichtungen ausgesendet und von überallher empfangen hat. Sogar Noten an die auswärtigen Vertretungen des Deutschen Reiches, die auswärtige Presse noch vor der Überreichung des Ultimatums mit Geld und auf andere Art zu beeinflussen, finden sich in dieser Aktensammlung[37]. Ja, selbst ein Erlaß an den deutschen Gesandten in Belgrad ist darunter, in dem dieser bereits am 22. Juli, also einen Tag vor Überreichung des Ultimatums, den vielsagenden Auftrag erhält: „Wenn österreichischer Gesandter Belgrad verläßt, wollen Euer Exzellenz Geschäfte und Schutz Österreich-Ungarns Untertanen übernehmen[38]“.

[II. Das Ultimatum an Serbien]

Noch in seiner 1919 erschienenen Rechtfertigungsschrift hält Herr v. Bethmann die Legende aufrecht, das Ultimatum sei „ohne unsere vorherige Kenntnis und ohne Billigung seines Wortlauts und aller seiner Einzelheiten[39]“ erlassen worden. Das ist wohl vorsichtiger verklausuliert als die Behauptung des Weißbuches 1914, aber doch auch erweislich unwahr. Um diese Behauptung glaubwürdig zu machen, berichtet Herr v. Bethmann ganz übereinstimmend mit Herrn v. Jagow in dessen Rechtfertigungsschrift, wann und wie er und Jagow zur Kenntnis des „Wortlauts und aller Einzelheiten“ des Ultimatums gekommen sind. Herr v. Jagow erzählt: „Am 22. Juli in den Abendstunden — es war, so weit ich mich erinnere, zwischen 7 und 8 Uhr — kam Graf Szögyeny zu mir, um mir das bekannte Ultimatum mitzuteilen ... Nach Kenntnisnahme des langen Textes sprach ich dem Botschafter sofort meine Ansicht aus, daß der Inhalt mir als reichlich scharf und über den Zweck hinausgehend erschiene. Graf Szögyeny erwiderte, da sei nun nichts mehr zu machen, denn das Ultimatum sei schon nach Belgrad gesandt und soll dort am nächsten Morgen übergeben und gleichzeitig durch den amtlichen Wiener Telegraphen veröffentlicht werden. Ich sprach dem Botschafter mein Befremden aus, daß uns die Entschlüsse seiner Regierung so spät mitgeteilt würden, daß uns damit die Möglichkeit abgeschnitten wäre, dazu Stellung zu nehmen. Auch der Reichskanzler, dem ich alsbald den Wortlaut des Ultimatums vorlegte, war der Ansicht, daß es zu scharf sei[40].“ Die Mitteilung des österreichischen Botschafters, den Herr v. Jagow selbst als „recht gealtert“ und von Wien aus schlecht informiert schildert[41], war gerade in dem Punkt, auf den es hier ankommt, falsch. Das Ultimatum wurde plangemäß nicht am Morgen, sondern am Abend des 23. Juli um 6 Uhr in Belgrad überreicht. Das wußten aber Herr v. Bethmann und Herr v. Jagow aus den Berichten des sehr gut informierten Herrn v. Tschirschky, ihres eigenen Botschafters in Wien, ganz genau und also besser als der senile und erfahrungsgemäß schlecht informierte Graf Szögyeny, der auch tatsächlich, nach dem österreichischen Rotbuch zu schließen, von seiner Regierung über die Stunde des Ultimatums nicht unterrichtet worden ist. Ja, die Stunde der Überreichung war sogar auf Betreiben des Herrn v. Jagow selbst von 5, wie es Wien geplant hatte, auf 6 Uhr verschoben worden. Das Telegramm des Herrn v. Jagow, durch welches die Wiener Regierung darauf aufmerksam gemacht wurde, daß, wenn das Ultimatum in Belgrad um 5 Uhr nachmittags überreicht werden würde, die Nachricht noch vor der Abreise Poincarés in Petersburg bekannt werden könnte, wurde in Berlin am 22. Juli um 6 Uhr 5 Min. Nachm. dem Telegraphenamt übergeben[42]. Herr v. Jagow nahm also an, daß die auf dieses Telegramm hin zu ändernde Disposition der Wiener Regierung noch rechtzeitig deren Gesandten in Belgrad erreichen würde. Ein eine oder zwei Stunden später abgesandtes Telegramm wegen Milderung der Note hätte also auch noch rechtzeitig ankommen können. Jedenfalls konnte Herr v. Jagow, der noch um 6 Uhr 5 Minuten nachmittags gewußt hatte, daß die Überreichung des Ultimatums für Donnerstag 5 Uhr nachmittags geplant war, dieses Datum um 7 Uhr nachmittags, als ihm Graf Szögyeny das Ultimatum überbrachte, noch nicht vergessen haben. Überdies erhielt er, wie er erzählt, unmittelbar nach dem Besuch Szögyenys ein zweites Exemplar des Ultimatums von Herrn v. Tschirschky mit einem Briefe, in dem dieser ausdrücklich schrieb, daß das Ultimatum am Donnerstag nachmittag in Belgrad übergeben werden solle[43]. Da ist es doch ein starkes Stück, daß Herr v. Jagow sich jetzt nachträglich darauf ausredet, daß er dem Grafen Szögyeny geglaubt habe, das Ultimatum sollte schon am Morgen des 23. überreicht werden. Er und Herr v. Bethmann haben es besser gewußt als der jederzeit schlecht unterrichtete Graf Szögyeny. Ihre bessere Sachkenntnis verschweigen aber die Herren Reichskanzler und Staatssekretär a. D. jetzt in ihrem durch ihre republikanischen Nachfolger so schwer getäuschten Vertrauen auf das Geheimnis des Staatsarchivs und verstecken sich hinter der falschen Information des Grafen Szögyeny. Aber selbst, wenn die Information des Grafen Szögyeny richtig gewesen wäre, hätten sie von 8 Uhr abends bis zum nächsten Morgen, der ja doch für diplomatische Aktionen vor 10, 11 Uhr nicht beginnt, noch mehr als 12 Stunden Zeit gehabt, um die von ihnen beklagte Schärfe des Ultimatums mildern zu lassen — für Herren, die acht Tage später der russischen Regierung mitten in der Nacht ein zwölfstündiges Ultimatum gestellt haben, im Zeitalter der Telegraphen und Telephone Zeit genug zu einigen stilistischen Änderungen, und um so mehr Zeit, wenn man den den beiden Herren wohlbekannten richtigen Termin der Ultimatumsüberreichung, 6 Uhr abends, berechnet, bis zu dem sie 24 Stunden Zeit gehabt hätten, dem Grafen Berchtold einen Rat zu erteilen.

Welche Heuchelei liegt in der nachträglichen Verteidigung von Reichskanzler und Staatssekretär! Herr v. Bethmann sucht in seinem Rechtfertigungsbuch zu beweisen, daß es die richtige Politik der Berliner Regierung war, „daß Österreich das serbische Ultimatum ohne unsere vorherige Kenntnis und ohne Billigung seines Wortlauts und aller seiner Einzelheiten habe erlassen dürfen“, „denn von Inhalt und Form eines einmal ausdrücklich gebilligten Ultimatums hätten wir uns nicht wieder loslösen, wir hätten dann die ganze Vermittlungsarbeit nicht verrichten können ...[44]“, und auf der nächsten Seite seines Buches berichtet er zustimmend, daß Herr v. Jagow Herrn v. Szögyeny bei der Überreichung des Textes des Ultimatums „sein Befremden ausgesprochen“ habe, „daß uns durch die späte Notifizierung jede Möglichkeit genommen sei, zu einem so wichtigen Dokument Stellung zu nehmen“. Welche doppelte und dreifache Heuchelei! Erstens erklärt es doch jetzt nachträglich Herr v. Bethmann als seine vorbedachte Politik, zu dem Ultimatum im voraus keine Stellung zu nehmen. Zweitens hat er, bezw. sein Staatssekretär, dazu im voraus Stellung genommen, denn sie haben, wie gezeigt, schon aus den Berichten des Herrn v. Tschirschky vom 8. und 10. Juli erfahren, welche schwere Forderungen in der Hauptsache Graf Berchtold an Serbien zu stellen gedenkt, und vor allem, daß es sich dem Grafen Berchtold darum handle, Forderungen zu stellen, „die Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen würden“, Graf Berchtold hat sie gleichzeitig fragen lassen, „wie man in Berlin darüber denke[45]“, ihnen war also in der Zeit zwischen dem ersten Bericht über die Berchtoldschen Forderungen, 8. Juli, und der Überreichung des Textes des Ultimatums, 22. Juli, durch die oben bereits erwähnten späteren und genaueren Berichte der deutschen Botschaft in Wien über die Berchtoldschen Forderungen Gelegenheit genug und übergenug gegeben, ihre Schärfe zu mildern, wenn sie es gewollt hätten.

Aber sie haben es nicht gewollt, sie haben Österreich zum Krieg gegen Serbien verhelfen wollen und was sie nun nachträglich gegen die allzu große Schärfe des Ultimatums sagen, ist windige Ausrede. Ein Ultimatum, welches unannehmbar sein soll, kann gar nicht „zu scharf“ und „über den Zweck hinausgehend“ sein. Der Zweck des Ultimatums war doch der Krieg. Gibt es noch einen über diese „ultima ratio regum“ hinausgehenden Zweck im Verkehr der Staaten? Wie kann Herr v. Jagow den Lesern seines Buches solchen Unsinn zumuten? Er kann dies nur im Vertrauen darauf, daß die Leser seines Buches die geheimen diplomatischen Akten nicht kennen, aus welchen hervorgeht, daß der Zweck des Ultimatums der Krieg war, und daß Herr v. Jagow wie Herr v. Bethmann um diesen Zweck schon seit dem 5. Juli, an dem Kaiser Wilhelm das Handschreiben Franz Josephs erhalten hatte, gewußt hatten und der Wiener Regierung bei ihrer diplomatischen Vorbereitung des Ultimatums — bis auf die Formulierung der Forderungen — jeden erdenklichen Rat und jede Unterstützung hatten angedeihen lassen. Herr v. Bethmann verrät übrigens selbst seine und seines Kollegen Unaufrichtigkeit. Unmittelbar, nachdem er die neu erfundene Fabel erzählt hat, daß er und Jagow das Ultimatum zu scharf gefunden haben, auf derselbe Seite seines Buches[46] fällt er in seinen alten, wahren, brutalen Gedankengang der Gewaltpolitik zurück, indem er die Frage aufwirft: „War nun das Ultimatum zu scharf?“ und darauf antwortet, Österreich mußte „scharf zupacken“, sonst „hätte man besser die Hände in den Schoß gelegt“. Herr v. Bethmann ist wie eine Köchin, die sich am Sonntag zum Ausgang Schminke auflegt, sie aber nicht verträgt und sie auch wieder wegreibt, ehe sie noch das Haustor verlassen hat. Da ist sein Kollege Jagow doch schon mehr von der Kultur beleckt. Der läßt sich beim — Schminken nicht so leicht erwischen.

Hätten übrigens die Herren v. Bethmann und v. Jagow wirklich damals das Ultimatum für zu scharf gehalten und wären sie nur durch Zeitmangel verhindert worden, eine Milderung in Wien noch vor der Überreichung durchzusetzen, so hätten sie auch nach der Überreichung genug Gelegenheit dazu gehabt. Von ihrer eigenen Initiative ganz abgesehen, telegraphierte ihnen schon am 24. Juli der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnovsky, daß der englische Staatssekretär Sir E. Grey „den Ton der Note wie die kurze Befristung beklage“. Diese Meldung geben sie wohl, da Grey es ausdrücklich wünschte, nach Wien weiter, aber ohne Greys Vorschlag zu unterstützen, im Gegenteil, mit dem dem kriegstollen Wiener Kabinett die Ablehnung förmlich suggerierenden Beisatz des Herrn v. Jagow: „Ich glaube nicht, daß Fristverlängerung möglich wäre“, was die Wiener Regierung natürlich sofort bestätigt. Die Frage des Tons der Note übergeht er ganz mit Stillschweigen[47]. In seinem Buche behauptet aber Herr v. Jagow schlankweg, daß er den Antrag einer Fristverlängerung „in Wien unterstützt“ habe[48]. Sehr mutig im — Behaupten ist Herr v. Jagow — vor der Publizierung der deutschen Dokumente gewesen! Doch weiter! Am 26. Juli telegraphiert der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf Pourtalès, Sasonow „sucht nach Auswegen“, „gegen eine Reihe von Punkten des Ultimatums hat der Minister Bedenken, über einige andere Punkte, sagte mir der Minister, könnte man sich vielleicht durch Änderung der Formen der Forderungen einigen; es handle sich vielleicht nur um Worte“. Pourtalès macht dann selbst den Vorschlag, das Berliner Kabinett möge „mit Österreich-Ungarn unverzüglich Fühlung nehmen, um seine Forderungen in der Form etwas zu mildern[49]“. Herr v. Jagow hat dieses Telegramm, dem Amtsschimmel entsprechend, den deutschen Botschaftern in Wien und London mitgeteilt. Daß es auch der Wiener Regierung zur Kenntnis gebracht worden wäre, ist nach den jetzt vollständig publizierten Wiener und Berliner Akten nicht anzunehmen. Jedenfalls hat Herr v. Jagow dem Herrn v. Tschirschky keinen Auftrag erteilt, im Sinne der Vorschläge von Sasonow und Pourtalès „mit Österreich-Ungarn unverzüglich Fühlung zu nehmen“.

Berlin hatte ebenso wie Wien angenommen, daß Serbien die gepfefferten Forderungen Österreich-Ungarns einfach ablehnen werde, sie waren ja, wie Graf Hoyos dem Prinzen Stolberg sagte, absichtlich so formuliert, daß „ein Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde hatte, sie unmöglich annehmen konnte“. Die Serben aber nahmen diese horrenden Forderungen, bis auf zwei, an und verdarben dadurch der Wiener Regierung das Konzept. Die Mitglieder der österreichisch-ungarischen Botschaft in London waren, wie Fürst Lichnovsky berichtete, beim Bekanntwerden der Antwort Serbiens „geradezu niedergeschmettert[50]“. Das war auch die Stimmung der Herren am Ballplatz. Sie hielten deswegen die Antwort Serbiens geheim und veröffentlichten sie erst, nachdem sie sie durch einen perfiden Kommentar in so ziemlich das Gegenteil umgelogen hatten. Selbst ihrem Berliner Bundesgenossen wagten sie die serbische Antwortnote nicht ohne diese pervertierenden Zusätze eigener Mache vorzulegen. Noch am 27. Juli muß der Reichskanzler dem Kaiser berichten, daß er den Wortlaut der serbischen Note, die am 25. der österreichisch-ungarischen Regierung übergeben worden war, noch nicht erhalten konnte.[51] Herr v. Jagow telegraphiert dem Herrn v. Tschirschky am 27. vormittags, er möge den Text der serbischen Antwort umgehend nach Berlin drahten[52]. Herr v. Tschirschky erbittet sofort am Ballhausplatz „persönlich dringend“ den Text, er erhält ihn aber erst in der Nacht vom 27. auf den 28. mit den „erläuternden Bemerkungen“ der österreichisch-ungarischen Regierung zugestellt. Inzwischen hatte der serbische Gesandte bereits am Nachmittag des 27. Juli den Text der serbischen Antwortnote der Berliner Regierung überreicht, die ihn dem Kaiser weitergab. Auf den Kaiser, der sie am 28. früh in dieser serbischen Ausgabe las, machte die serbische Antwort offenbar auch einen gewissen „niederschmetternden Eindruck“, so sehr, daß er, der bis dahin in unflätigen Randnoten immer nur gegen die serbischen „Räuber“ und „Fürstenmörder“ zum Krieg gehetzt hatte, jetzt den Text der Antwortnote bloß mit einer gegen die Wiener Politik gerichteten Randnote versieht: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort, und Giesl hätte ruhig in Belgrad bleiben sollen! Daraufhin hätte ich niemals Mobilmachung befohlen[53]!“ Eine scharfe Wendung gegen den Kaiser von Österreich. Doch begnügt sich der Kaiser nicht mit dieser Randbemerkung. Die Sache ist ihm zu wichtig. Um 10 Uhr vormittags setzt er sich an den Schreibtisch, um einen ausführlichen Erlaß an Herrn v. Jagow niederzuschreiben, in welchem er bereits einen positiven Vorschlag entwickelt, um der durch die unerwartete Nachgiebigkeit der Serben geschaffenen neuen Situation Rechnung zu tragen. Er wiederholt in dem Erlaß seine Ansicht, daß nunmehr „die Wünsche der Donaumonarchie erfüllt sind“ und „jeder Grund zum Kriege entfällt“. (Dies im Original unterstrichen.) Aber die Einhaltung der serbischen Versprechungen müßte durch „douce violence“ gesichert und auch die österreichische Dynastie gegen die üblen Nachwirkungen der dritten zwecklosen Mobilisierung der Armee geschützt werden. Zu diesem Zwecke sollte Österreich Belgrad besetzen und so lange als Faustpfand besetzt halten, „bis tatsächlich die petita durchgeführt sind“. In gleichem Sinn läßt der Kaiser an den Generalstabschef Grafen Moltke schreiben[54]. Ein lichter Moment in dem irrsinnigen Gerede, mit dem der Kaiser nach wie vor die großen und so folgenschweren Ereignisse dieser Zeit in den Akten begleitet!