Doch als man in Berlin endlich die Unmöglichkeit der Lokalisierung des Krieges eingesehen hat, welchen Zweck hat dann die weitere Vermittlungstätigkeit der Berliner Staatsmänner? Wieder, nicht Blutvergießen zu vermeiden, sondern für den Weltkrieg, dem sie nun gefaßt entgegensahen, Stimmung zu machen, das Odium dafür auf Rußland abzuwälzen. Als Herr v. Bethmann am 27. Juli zum ersten Mal einen von Grey gestellten Vermittlungsantrag, den er doch nicht wieder a limine abweisen kann, nach Wien weitergibt, begründet er dies mit dem lediglich taktischen Argument, daß „wir als die zum Kriege Gezwungenen dastehen müssen[79]“. Am 28. Juli befürwortet er gegenüber Wien den kaiserlichen Faustpfandvorschlag damit, daß „das Odium, einen Weltkrieg verschuldet zu haben“, sonst in den Augen des deutschen Volkes auf die deutsche Regierung zurückfiele; es handle sich bei der Graf Berchtold empfohlenen Demarche in Petersburg darum, „die Bedingungen, unter denen der Weltkrieg, wenn dieser schließlich nicht zu vermeiden ist, für uns nach Tunlichkeit zu verbessern[80]“, schließt Herr v. Bethmann in ganz geschäftsmäßigem Ton — corriger la fortune. Recht gelehrig verdolmetscht Herr v. Tschirschky am 29. Juli die Aufträge seines Chefs dem Grafen Berchtold mit den Worten, der Vermittlungsvorschlag des Reichskanzlers sei „durchaus nicht dahin zu verstehen, als würde der Reichskanzler damit einen Druck auf Wien ausüben wollen oder als läge ihm der Wunsch nahe, Österreich-Ungarn von seiner Aktion zurückzuhalten“, sondern im Fall des Weltkrieges solle „Rußland allein die Schuld treffen[81]“. „Die Verweigerung jedes Meinungsaustausches mit Petersburg — telegraphiert Herr v. Bethmann am 30. Juli mahnend an das saumselige Wien — würde ein schwerer Fehler sein[82]“, ein Kunstfehler, aber beileibe kein Verbrechen. Dem Kaiser sagte er am selben Tage, daß sein Drängen in Wien den Zweck habe, „die Schuld Rußlands zu vergrößern[83]“. In einem aus anderen Gründen später zurückgezogenen Telegramm an den Wiener Botschafter vom selben Tage sagt er geängstigt: „Wenn Wien den letzten Greyschen Vorschlag ablehnt, ist es kaum mehr möglich, Rußland die Schuld an der ausbrechenden europäischen Konflagration zuzuschieben[84]“. Im preußischen Ministerrat vom selben Tage wiederholt er es zum vierten Mal an diesem 30. Juli, daß der Grund seiner Vermittlungstätigkeit der sei: „Es müßte der größte Wert darauf gelegt werden, Rußland als den schuldigen Teil hinzustellen[85]“. Die Schuld Rußland „zuschieben“, Rußland als den schuldigen Teil „hinstellen“, diese Ausdrücke sind nicht der Welt der Wahrheit, sondern der des Scheins und der advokatorischen Verstellungskunst entnommen. Es ist die geschickte Regie des Weltkrieges, um die es sich Herrn v. Bethmann handelt, nicht aber die Vermeidung des Weltkriegs, für die sich wiederholt Grey in so eindrucksvollen, prophetischen Worten und gelegentlich auch Sasonow einsetzt.
In demselben engen Geleise läuft auch die persönliche Vermittlungsaktion des Kaisers Wilhelm II., von der in der öffentlichen Diskussion so viel Aufhebens gemacht worden ist. Er mutet dem Zaren in einem Telegramm vom 29. Juli zu, „dem österreichisch-serbischen Krieg gegenüber in der Rolle des Zuschauers zu verharren, ohne Europa in den schrecklichsten Krieg hineinzuziehen, den es je gesehen hat[86]“ — also wieder nur die Lokalisierung. Mit dem unabweislich pathetischen Ton, in dem Kaiser Wilhelm den Zaren und den König von England in seinen so oft zitierten Telegrammen zum Stillehalten beschwört, vergleiche man den scheuen, eine Ablehnung von vornherein erleichternden Ton des einzigen, von des Kaisers Regierung wohlweislich nicht veröffentlichten Telegramms, das Kaiser Wilhelm in der Vermittlungsaktion dem Kaiser Franz Joseph schickt. Es betrifft seinen eigenen und Greys Faustpfandvorschlag, ist vom 30. Juli datiert und lautet:
„Die persönliche Bitte des Zaren, einen Vermittlungsversuch zur Abwendung eines Weltbrandes und Erhaltung des Weltfriedens zu unternehmen, habe ich nicht ablehnen zu können geglaubt und Deiner Regierung durch meinen Botschafter gestern und heute Vorschläge unterbreiten lassen. Sie gehen unter anderem dahin, daß Österreich nach Besetzung von Belgrad oder anderer Plätze seine Bedingungen kundgäbe. Ich wäre Dir zu aufrichtigem Danke verpflichtet, wenn Du mir Deine Entscheidung möglichst bald zugehen lassen wolltest.
In treuer Freundschaft
Wilhelm[87]“.
Nicht ein Wort der Empfehlung, geschweige denn der Beschwörung, wie in den Telegrammen an den Zaren und den König von England! Und darnach sagte Herr v. Bethmann in der Reichstagssitzung vom 4. August 1914, die Vermittlungsaktion in Wien sei von Berlin „in Formen“ geführt worden, „welche bis an das Äußerste dessen gehen, was mit unserem Bundesverhältnis noch verträglich war!“ Zahmer, submisser, unsicherer hat der deutsche Kaiser wohl nie gesprochen als in diesem Telegramm. Kaiser Franz Joseph hat denn auch Wilhelm II., wie bereits in anderem Zusammenhang erwähnt, recht unwirsch einen Korb gegeben.
[IV. Der aufgezwungene Krieg]
Herr v. Bethmann glaubte, daß ihm sein Regiestück gelungen sei. In der Sitzung des Bundesrates vom 1. August erklärte er bereits feierlich: „Wir haben den Krieg nicht gewollt, er wird uns aufgezwungen[88]“, die Phrase, die er, wie der Kaiser und die anderen Berliner Herren, später in der Öffentlichkeit so oft wiederholt hat. Den Weltkrieg selbst haben sie nicht „gewollt“, wohl aber den Krieg Österreich gegen Serbien, und dieser mußte zum Weltkrieg führen, das wußten sie und wurde ihnen überdies vom Anfang an durch Grey, Sasonow und ihren eigenen Botschafter Lichnovsky mit zwingenden Argumenten, die sie auch nicht zu widerlegen versuchten, vor Augen geführt[89]. Als sie in extremis den Krieg Österreichs gegen Serbien im Sinne des Faustpfandvorschlags einschränken wollten, stießen sie auf Österreichs Widerstand. Graf Berchtold hatte, wie er in seiner Note an Graf Szögyeny vom 20. Juli bereits feststellte, schon lange vor dem Ultimatum „ein vollständiges politisches Einvernehmen mit dem deutschen Kabinett erzielt[90]“ und auch mit dem deutschen Kaiser, wie Graf Berchtold wahrheitsgemäß hätte hinzufügen können. An dieses hielten sich der Kaiser Franz Joseph und seine Regierung und deswegen lehnten sie alle ihnen nachträglich von Berlin übermittelten Vorschläge auf Einstellung oder auch nur Einschränkung ihres serbischen Krieges ab, komme, was da wolle, und daraus erklärt sich auch der bescheidene Ton, in dem Berlin diese Vorschläge Wien vorträgt. Wien blieb den Abmachungen mit Berlin treu und hielt Berlin an der Stange fest. Berlin konnte nicht mehr zurück, selbst wenn es ernstlich gewollt hätte. Es hat aber nicht gewollt. Denn was es gewollt hat, den serbischen Krieg ohne Weltkrieg, das war praktisch unmöglich, und Unmögliches, Unerreichbares kann man „möchten“, aber zurechnungsfähiger Weise nicht wollen[91]. Wenn einer etwa in ein Fenster hineinschießt und einen sichtbar am Fenster sitzenden Mann erschießt, wird er sich doch nicht nachher vor dem Richter darauf ausreden können, daß er nur das Fenster gemeint habe, nicht aber den Mann. Doch zu den Eigentümlichkeiten der Berliner Staatsmänner hat es immer gehört, daß sie wohl forsch hinüberschießen wollten, den andern aber es übelnahmen, wenn sie zurückschossen. Auch die Niederlage haben sie nicht gewollt und nicht den inneren Zusammenbruch, und gewiß auch nicht den Sturz der Hohenzollern, der Habsburger und der anderen deutschen Dynastien, und sind doch für all das vor der Geschichte verantwortlich, nach demselben Kausalgesetz, nach dem sie überhaupt für den Weltkrieg verantwortlich sind. Das Eintreten Rußlands für Serbien und die europäischen Komplikationen waren übrigens schon in dem Handschreibenwechsel der beiden Kaiser im Anfang des Monates Juli vorausgesehen. Für diesen Fall auch nur verlangte Österreich-Ungarn Deutschlands Unterstützung und sagte sie ihm Deutschland zu. Denn einen Krieg bloß gegen Serbien zu führen, dazu brauchte Österreich-Ungarn keine Hilfe.
Als beliebtestes Argument für den „aufgezwungenen Krieg“ hat den deutschen Staatsmännern während des ganzen Krieges die offizielle russische Gesamtmobilisation vom 31. Juli gedient, welche nach ihrer Darstellung den Krieg bedeutete und von Deutschland mit dem Ultimatum beantwortet werden mußte. Dieses Argument tritt Herr v. Bethmann auch in seinem Buche noch breit[92]. Da man sich dabei immer auf die Ansicht des deutschen Großen Generalstabs berufen hat und vor diesem bisher jede Kritik verstummte, nahm man das Argument gläubig an, obzwar es dem gesunden Menschenverstand nicht einleuchtete, warum Mobilisierung gleich Krieg sein muß, wo doch so viele Mobilisierungen aus der Geschichte der neuesten Zeit bekannt sind (so auch die zwei russisch-österreichischen Mobilisierungen von 1909 und 1912), die nicht zum Krieg geführt haben. Dieser Anschauung des gesunden Menschenverstandes hat früher auch Herr v. Bethmann gehuldigt und sie bei einer sehr wichtigen und entscheidenden amtlichen Gelegenheit, als schon inoffizielle Nachrichten vom Beginn der russischen Mobilisierung in Berlin vorlagen und sogar „sich häuften“, ausgesprochen, nämlich in der Sitzung des preußischen Staatsministeriums vom 30. Juli 1914. „Die Mobilisierung Rußlands“, sagte er, „sei zwar erklärt, seine Mobilisierungsmaßnahmen seien jedoch mit den westeuropäischen nicht zu vergleichen. Die russischen Truppen könnten in diesem Mobilisierungszustande wochenlang stehen bleiben. Rußland beabsichtige auch keinen Krieg, sondern sei zu seinen Maßnahmen nur durch Österreich gezwungen[93]“. Damals hoffte Herr v. Bethmann offenbar noch, daß er bis zum Kriegsausbruch genug Zeit haben werde, um durch seine Vermittlungsaktion Rußland „als den schuldigen Teil hinzustellen“, wie er in jenem preußischen Ministerrat noch sagte. Als aber am nächsten Tag, wie Herr v. Bethmann in seinem Buche ausplaudert, der Chef des Generalstabs Graf Moltke plötzlich, im Gegensatz übrigens zu dem Kriegsminister v. Falkenhayn, die Kriegserklärung an Rußland verlangte[94], sattelte Herr v. Bethmann um, fand, daß die russische Mobilisierung auch nicht zwölf Stunden länger ertragen werden könne, daß sie Rußlands Kriegswillen beweise, und so wurde die russische Mobilisation in Ermangelung eines Besseren, das ausgeblieben war, das Mittel, um „Rußland als den schuldigen Teil hinzustellen“ — was ja der einzige und wahre Zweck der ganzen diplomatischen Arbeit in den letzten Julitagen gewesen war.
Ein anderes Argument gegen den Kriegswillen der Berliner Regierung hat der unermüdlich Weltkriegsbücher schreibende ehemalige Staatssekretär und Vizekanzler Dr. Helfferich herausgefunden. „Es muß“ — schreibt er[95] — „jedem tiefer in die Dinge eintretenden Beobachter auffallen, daß bei unserem italienischen Verbündeten vor der Überreichung des Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche gemacht worden sind, ihn auf eine — — — Neutralität — — — festzulegen.“ Das schrieb Herr Dr. Helfferich im März 1919, als ihn noch niemand mit amtlichen Akten der Zentralmächte widerlegen konnte. Jetzt wissen wir aus dem österreichischen Rotbuch, daß man in Berlin und Wien erwogen hat, ob Italien als Dritter im Bunde in die Kriegskonspiration eingeweiht werden solle, aber, weil man Italien mißtraute und seiner „Verschwiegenheit“ nicht ganz sicher zu sein glaubte, beschloß, es nicht einzuweihen, sondern „vor eine unabwendbare Situation zu stellen[96]“.