Ein ganz kurioses Argument für die Unschuld der Berliner Regierung hat der gewesene Staatssekretär der Marine, Herr v. Tirpitz, das Verdienst, gefunden zu haben. Er behauptet nämlich, der Kanzler habe „den Ernstfall so wenig vorbereitet, daß Gesamterwägungen zwischen den politischen und militärischen Spitzen niemals stattgefunden hatten, weder über die politisch-strategischen Probleme der Kriegführung, noch über die Aussichten eines Weltkrieges überhaupt[97]“. Herr v. Tirpitz hat das im April 1919 geschrieben, ohne wohl zu ahnen, daß jemals die Blasphemie begangen werden könnte, die geheimen Akten des Auswärtigen Amtes den Blicken der profanen Welt preiszugeben. Obzwar der Verkehr zwischen Generalstab und Auswärtigem Amt sich loco Berlin überwiegend mündlich und telephonisch abgespielt haben wird, enthalten doch die Akten der Wilhelmstraße genug, um Herrn v. Tirpitz' Harmlosigkeitslegende zu widerlegen. Der Generalstab wird von allen wichtigen diplomatischen Schritten informiert. So beruft sich der Reichskanzler in einem am 26. Juli an den Kaiser gerichteten Telegramm auf die Zustimmung des soeben aus Karlsbad zurückgekehrten Chefs des Generalstabes, Grafen Moltke, zu seiner Haltung[98]. Ebenso teilt der Kaiser am 28. Juli seinen neuen Faustpfandvorschlag, wie bereits oben erwähnt, gleichzeitig mit dem Staatssekretär v. Jagow dem Grafen Moltke mit[99]. Graf Moltke beschränkt sich übrigens seinerseits durchaus nicht auf sein Ressort. Er ergreift die Initiative, um auch ungefragt dem Auswärtigen Amt seine Meinung in politicis zu sagen, während der umgekehrte Fall, daß dieses eine Meinung in militärischen Dingen je geäußert hätte, nicht vorkommt. So überschickt er am 29. Juli dem Reichskanzler eine lange Abhandlung, welche den bezeichnenden Titel führt: „Zur Beurteilung der politischen Lage“, die mit der „bis zur Schwäche gehenden Langmut Österreichs“ gegenüber Serbien anfängt, sich über die „Einmischung Rußlands“ beschwert, von den „tiefgewurzelten Gefühlen der Bundestreue, einem der schönsten Züge des deutschen Gemütslebens“ singt, um schließlich „möglichst bald Klarheit“ darüber zu wünschen, ob es zum Krieg mit Rußland und Frankreich kommt[100]. Am 2. August entwickelt Graf Moltke dem Auswärtigen Amt in peremptorischen Ausdrücken ein langes Programm über das, was dieses angesichts des Krieges in allen feindlichen und nichtfeindlichen Ländern zu tun hätte, z. B. „Japan ist aufzufordern, die günstige Gelegenheit zu benutzen, um seine sämtlichen Aspirationen im fernen Osten jetzt zu befriedigen, am besten unter kriegerischer Aktion gegen das im europäischen Kriege gefesselte Rußland[101]“. Graf Moltke scheint keine Ahnung von der politischen Stellung Japans zu haben, was ihn aber nicht hindert, darüber zu politisieren. Noch bierbankmäßiger schwätzt er am 4. August vor der Kriegserklärung Englands, wo er vom Auswärtigen Amt verlangt, daß es England belehre, daß es sich in diesem Kriege um die „Wahrung und Erhaltung germanischer Kultur und Sitte der slavischen Unkultur gegenüber[102]“ handle. Aber ehe das Auswärtige Amt noch Zeit gehabt hat, diese Kulturbotschaft nach London weiterzubefördern, hat England schon den Krieg erklärt, und Graf Moltke vernichtet nun England, indem er in einer Note vom 5. August von dem unglücklichen Auswärtigen Amt nichts weniger verlangt als die Insurrektion Indiens, Ägyptens, auch des Kaukasus, während er seinerseits lapidar meldet: „Die Insurrektion Polens ist eingeleitet[103]“. Sogar ganze Entwürfe von Noten an die belgische und die holländische Regierung schreibt Graf Moltke dem Auswärtigen Amt vor, das sie auch pflichtschuldigst zurichtet und weiterbefördert[104], und es sind nicht etwa militärische oder untergeordnete Angelegenheiten, um die es sich dabei handelt, sondern es ist die verhängnisvolle Note, mit der die deutsche Regierung der belgischen den Neutralitätsbruch ankündigt, nächst dem serbischen Ultimatum das verhängnisvollste diplomatische Schriftstück des Weltkrieges — und da will Herr v. Tirpitz die Welt glauben machen, daß „Gesamterwägungen“ über den Ernstfall „zwischen den politischen und militärischen Spitzen niemals stattgefunden haben“!

Doch Herr v. Tirpitz hat noch einen anderen quasi militärischen, vollgültigen Beweis dafür, daß „unsere Reichsleitung den Krieg nicht gewollt hat. Sie war nämlich vom Anfang an überzeugt, daß wir nicht siegen würden[105]“. Man denke! Das muß sie doch bei der damals in Berlin allgemein anerkannten militärischen Allwissenheit und Unfehlbarkeit des Großen Generalstabs von diesem gehört haben. Wie hat aber Graf Moltke über die Aussichten des Krieges in den kritischen Tagen geurteilt? Darüber hat der bayrische Gesandte in Berlin, Graf Lerchenfeld, seiner Regierung berichtet. „Schon vor Monaten (!)“, schreibt er am 31. Juli in einem Privatbrief dem bayrischen Ministerpräsidenten Grafen Hertling, „hat der Herr Generalstabschef Graf v. Moltke sich dahin ausgesprochen, daß der Zeitpunkt militärisch so günstig sei, wie er in absehbarer Zeit nicht wiederkehren kann[106].“ Am 31. Juli telephoniert er nach München: „Preußischer Generalstab sieht Krieg mit Frankreich mit großer Zuversicht entgegen, rechnet damit, Frankreich in vier Wochen niederwerfen zu können[107].“ Am 2. August meldet Graf Lerchenfeld: „Man kann heute sagen, daß bei dem bevorstehenden Krieg Deutschland und Österreich der ganzen Welt gegenüberstehen werden. Trotzdem ist die Stimmung der hiesigen militärischen Kreise eine absolut zuversichtliche[108].“ Am 5. August berichtet Graf Lerchenfeld dem Grafen Hertling den folgenden Ausspruch des Grafen Moltke vom selben Tage: „Man könne es als ein Glück betrachten, daß durch den Mord in Sarajevo die von den drei Mächten (Rußland, England, Frankreich) angelegte Mine schon in einem Zeitpunkt aufgeflogen sei, in dem Rußland nicht fertig und die französische Armee sich in einem Übergangszustand befinde. Gegen die drei vollkommen gerüsteten Staaten würde Deutschland einen schweren Stand gehabt haben[109].“ Selbst Österreich ist siegesgewiß. „Österreich hat hier mitgeteilt,“ berichtet Graf Lerchenfeld weiter am 5. August, „daß es jedem Angriff an seiner Grenze völlig gewachsen und sogar numerisch der gegen Galizien versammelten Armee überlegen sei[110].“ Alle diese großsprecherischen Voraussagen der Militärs in Berlin und Wien haben sich leider nicht bewährt. Um so stärkeren Beweis bilden sie für den Kriegswillen der beiden Mächte nicht nur gegenüber Serbien, sondern gegenüber der „ganzen Welt“, Beweis auch gegen den Tirpitzschen Geschichtsfälschungsversuch. Dabei sind wir vorläufig nur auf die schwachen Reflexe der Anschauungen und Pläne der Militärs in den Akten der Diplomaten angewiesen. Der Eindruck wird sicher noch verstärkt werden, wenn — was jetzt zu wünschen wäre — auch die auf die Vorbereitung des Krieges bezüglichen Akten der Generalstäbe und Kriegsministerien von Berlin und Wien der Öffentlichkeit übergeben werden würden.

Und nun stelle man diesem Bild von Kriegszuversicht und Kriegslust der einen Seite das der anderen gegenüber. Wir vermeiden es dabei wie bisher, die von den Ententestaaten schon im Beginn des Krieges herausgegebenen Aktenbücher, die während des Krieges allein zur Beurteilung der Absichten beider Kriegsparteien benützt werden konnten, heranzuziehen, da ihre Zuverlässigkeit — wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht — von den deutschen Staatsmännern bestritten wird[111]. Als argumentum ad hominem beschränken wir uns auf die Aktensammlungen der beiden Zentralmächte, deren Vollständigkeit und Richtigkeit nicht bestritten werden kann. Was da die Botschafter der Zentralmächte ihren Regierungen über die Absichten und Ansichten der Ententemächte melden, sind selbstverständlich nur subjektive Eindrücke der Berichterstatter, die bis zu einem gewissen Grad von ihrem feindlichen Standpunkt aus voreingenommen und eher geneigt gewesen sein dürften, den Gegnern, die sie zu beobachten verpflichtet waren, böse Pläne zuzumuten als gute, eher ihren eigenen Regierungen, in deren Gedanken sie eingeweiht waren, zu helfen, als sie zu stören. Gerade deswegen sind aber diese Berichte der deutschen und österreichisch-ungarischen Diplomaten um so beweiskräftiger. Denn sie berichten, was ihnen nach Hause zu melden sicher sehr schwer geworden ist, was sie gewiß nur nach sorgfältiger Prüfung und auf die Gefahr, daheim Mißfallen zu erregen, weiterzugeben sich entschlossen haben, sie berichten nämlich durchaus nur Günstiges über die mangelnde Kriegslust und die Friedensabsichten der Ententemächte. Nach ihnen sind Rußland, besonders aber auch England unablässig bemüht, Vermittlungsvorschläge auszusinnen, die zwar immer wieder von den Zentralmächten abgelehnt, von den Ententemächten aber unverdrossen immer wieder durch andere ersetzt werden. Diese Vorschläge bilden den Hauptstoff der Tätigkeit der Diplomatie der Zentralmächte in den kritischen zwölf Tagen zwischen dem serbischen Ultimatum und dem Ausbruch des Weltkrieges. Sir Edward Grey ist darin besonders eifrig. Herr v. Bethmann hat das noch in seiner Reichstagsrede vom 3. August und in dem gleichzeitig erschienenen Weißbuch anerkannt. Um seinen Vorschlägen mehr Nachdruck zu geben, macht Grey der deutschen Regierung die Hölle heiß, indem er ihr keinen Zweifel darüber läßt, daß der serbische Krieg Österreich-Ungarns einen großen europäischen Krieg zur notwendigen Folge haben werde, und indem er die Nachwirkungen dieses Krieges in den schwärzesten Farben schildert, die damals noch als Übertreibungen angesehen worden sein mochten, durch die Tatsachen aber leider vollständig bestätigt worden sind. Um aus seinen und seiner Mitarbeiter zahlreichen Äußerungen nur eine zu zitieren, sei seine Aussprache zum deutschen Botschafter unmittelbar nach Empfang des österreichisch-ungarischen Ultimatums am 24. Juli erwähnt: „Die Gefahr eines europäischen Krieges sei, falls Österreich serbischen Boden betrete, in nächste Nähe gerückt. — Die Folgen eines solchen Krieges zu vier (an England und Italien dachte er dabei noch nicht) seien vollkommen unabsehbar. Wie auch immer die Sache verlaufe, eines sei sicher, daß nämlich eine gänzliche Erschöpfung und Verarmung Platz greife, Industrie und Handel vernichtet und die Kapitalskraft zerstört würden. Revolutionäre Bewegungen wie im Jahre 1848 infolge der darniederliegenden Erwerbstätigkeit würden die Folge sein.“ Daß er Österreich gleichzeitig vor dem Kriege gegen Serbien warnt, an dem es sich verbluten werde, haben wir schon erwähnt. Hinzugefügt sei nur, daß der überlegene Geist des Kaisers Wilhelm II. zu dieser Stelle an den Rand nur ein Wort schreibt: „Unsinn.“ „Der Minister — fügt Fürst Lichnovsky seinem Bericht aus eigenem hinzu — ist sicherlich bestrebt, alles zu tun, um einer europäischen Verwicklung vorzubeugen, und konnte sein lebhaftes Bedauern über den herausfordernden Ton der österreichischen Note und die kurze Befristung nicht verhehlen[112].“ Von seiner ersten Unterredung mit Sasonow nach dem Ultimatum berichtet der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf Pourtalès, am 25. Juli, daß der Minister „sehr erregt“ war und sich „in maßlosen Anklagen“ gegen Österreich-Ungarn erging[113]. In einem zweiten Gespräch am 26. Juli findet Graf Pourtalès Herrn Sasonow „viel ruhiger und versöhnlicher. Er betont mit der größten Wärme, daß Rußland nichts ferner liege, als Krieg zu wünschen ... und er bäte uns dringend, eine Brücke zu finden ...[114]“.

Aber in den russischen militärischen Kreisen? Über deren Stimmung berichtet der deutsche Militärattaché v. Chelius, derselbe, auf dessen Mobilisationsmeldungen sich die ganze Argumentation der deutschen Staatsmänner über die russische Mobilisierung stützt. Herr v. Chelius teilt am 26. Juli mit, daß man „in den Kreisen dem Frieden geneigter, monarchisch gesinnter höherer Offiziere der Umgebung des Zaren als bestes Mittel den Frieden zwischen den Großmächten zu erhalten, Telegramm S. M. des Kaisers und Königs an Kaiser Nikolaus ansieht“, dessen monarchistischen Tenor er auch angibt[115]. Ein solches Telegramm wird daraufhin im Berliner Auswärtigen Amt am 26. abends oder am 27. Juli entworfen, aber nicht abgesendet[116]. Warum nicht? Darüber belehrt uns eine Randbemerkung des Reichskanzlers vom 27. Juli zu dem die Cheliussche Anregung enthaltenden Telegramm des Grafen Pourtalès. Sie lautet: „S. M. will einstweilen keine Depesche an den Zaren schicken[117].“ Erst am folgenden Tage, am 28., wird ein Telegramm des Kaisers an den Zaren dem Telegraphen übergeben — das erste der Serie, auf die sich später die deutschen Staatsmänner mit so viel Emphase berufen haben. Es ist also auf die Initiative höherer russischer Offiziere aus der Umgebung des Zaren zurückzuführen, was allerdings die Aufrichtigkeit der deutschen Staatsmänner verschwiegen hat, weil sonst die Emphase gelitten hätte. Herr v. Bethmann ist in seinem Buche sogar kühn genug, es der „eigensten Initiative“ Wilhelms II. entspringen zu lassen[118] — wo doch die eigene Randbemerkung des Reichskanzlers auf dem erwähnten Aktenstück das genaue Gegenteil bezeugt! Das erste Telegramm des deutschen Kaisers an den Zaren hat sich bekanntlich mit einem ähnlichen Telegramm des Zaren gekreuzt. Man hat aber nichts davon gehört, daß Berliner Militärs aus der Umgebung des Kaisers dazu die Anregung gegeben hätten. Als das Telegramm des Kaisers am 29. Juli in Petersburg ankommt, sagt der russische Generalmajor à la suite des Zaren, Trubetzkoi, zu Chelius: „Gottlob, ein Telegramm Ihres Kaisers, aber ich fürchte, es ist zu spät.“ Chelius spricht dann mit Trubetzkoi über die bereits erfolgte russische Mobilisierung gegen Österreich-Ungarn und gewinnt dabei den Eindruck, daß Trubetzkoi „im Grunde überzeugt war, daß Rußland zu eilig gehandelt habe. Als ich ihm sagte — berichtet v. Chelius weiter — er möge sich nicht wundern, wenn die deutsche Streitmacht mobilisiert werde, brach er entsetzt ab und sagte, er müsse sofort nach Peterhof“ (zum Zaren, um ihm diese Hiobspost zu melden). Den langen Bericht über diese und seine sonstigen Beobachtungen in Militärkreisen schließt Herr v. Chelius mit den Worten: „Ich habe den Eindruck, daß man hier aus Angst vor kommenden Ereignissen mobilisiert hat ohne aggressive Absichten und nun erschreckt ist darüber, was man angerichtet hat“, wozu Kaiser Wilhelm an den Rand schreibt: „Richtig, so ist es[119]“, was aber den Kaiser wieder nicht gehindert hat, öffentlich das Gegenteil zu behaupten. Noch eine Stimme, die des deutschen Botschafters in Paris! Herr v. Schoen berichtet über seine erste Unterredung nach dem Ultimatum am 24. Juli: „Der den (abwesenden) Ministerpräsidenten vertretende (französische) Justizminister war sichtlich erleichtert von unserer Aufforderung, daß österreichisch-serbischer Konflikt lediglich zwischen den beiden Beteiligten zum Austrag zu bringen[120].“

Nach diesen Berichten der deutschen Diplomaten nun noch einige Stimmen von österreichisch-ungarischer Seite über die Absichten der Ententemächte. Wir wählen, der Ergänzung wegen, solche aus den späteren Phasen der kritischen Zeit. So aus London den Bericht des österreichisch-ungarischen Botschafters Grafen Mensdorff vom 4. August, also schon nach der Kriegserklärung Englands an Deutschland. „Sir E. Grey sagte mir — telegraphiert der Botschafter — er sei ganz verzweifelt über die Notwendigkeit eines Krieges ... Sir Edward Grey, der eminent friedlich ist und den Krieg haßt, war ganz gebrochen[121].“ Und noch später am 7. August: „Grey ist verzweifelt darüber, daß seine Bestrebungen, Frieden zu erhalten, gescheitert sind. Über den Krieg sagte er mir wiederholt: „I hate it, I hate it ...“ Er hatte ernstlich gehofft, daß, wenn auch die jetzige schwere Gefahr überwunden werde, man den Frieden auf Jahre sichern könne ... Nun sei alles das gescheitert, und der allgemeine Krieg mit seinen scheußlichen und widerwärtigen Folgen ausgebrochen. Ich glaube, der Angriff auf die Neutralität Belgiens hat alles verdorben“ usw.[122]. Und wie urteilt der österreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg, Graf Szapáry, über den russischen Minister des Äußern, Herrn Sasonow, der neben Grey der zweite der schwarzen Männer war, die die Staatsmänner der Zentralmächte ihren Völkern später als die Anstifter des Krieges denunzierten? Am 29. Juli berichtet Graf Szapáry nach einem Gespräch mit Sasonow: „Meine Impression ging dahin, daß der Minister bei der vorherrschenden Unlust, mit uns in Konflikt zu geraten, sich an Strohhalme klammert, in der Hoffnung, doch noch der gegenwärtigen Situation zu entkommen[123].“ Das war schon nach der offiziellen Mobilisierung Rußlands gegen Österreich-Ungarn. Am 30. Juli telegraphiert Graf Szapáry: „Minister scheut den Krieg ebenso wie sein Kaiserlicher Herr[124].“ Als ihm Graf Szapáry am 31. Juli die Meldung überbringt, daß Graf Berchtold sich endlich habe erweichen lassen und in die von Sasonow und Grey gewünschte Wiederaufnahme direkter Besprechungen mit ihm über das Ultimatum einwillige, „war Herr Sasonow durch meine Eröffnungen — berichtet der Botschafter — wesentlich erleichtert und schien denselben eine übertriebene Bedeutung beizumessen[125]“. Aus Paris wieder läßt sich der österreichisch-ungarische Botschafter Graf Szécsen am 30. Juli vernehmen: „Viele Leute hier, auch in Regierungskreisen, wünschen Frieden und möchten Argumente haben, die sie russischen und hiesigen Hetzereien entgegenstellen können[126].“ Und der deutsche Kaiser selbst sagt am 1. August zum österreichisch-ungarischen Botschafter, Grafen Szögyeny: „er habe den Eindruck, daß Frankreich über die Mobilmachung Deutschlands in hohem Grade erschrocken sei. Unter diesen Umständen ... sei er (Kaiser Wilhelm II.) entschlossen, mit Frankreich abzurechnen, was ihm hoffentlich vollkommen gelingen werde[127].“ Also, nicht Frankreich will mit Deutschland abrechnen, sondern Kaiser Wilhelm II. will mit Frankreich abrechnen, Frankreich den Krieg aufzwingen, und zwar gerade deswegen, weil Frankreich diese Abrechnung, diesen Krieg fürchtet!

Das sagt der deutsche Kaiser am 1. August einem Eingeweihten, der es geheim hält. Aber was sagt er öffentlich, drei Tage später, am 4. August, im Reichstag, vor der ganzen Welt, in der feierlichsten Form, in der Thronrede, mit der er die amtlichen Kriegskundgebungen einleitet? „In aufgedrungener Notwehr, mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert.“ Damit beginnt bereits, noch ehe ein Kanonenschuß gefallen ist, unter Vorantritt des Kaisers, jene Fabrikation von Geschichtslügen, die im Kriege durch eine weltumspannende geistige Propagandaarbeit fortgesetzt worden ist und mit dem Kriege noch lange nicht ihr Ende gefunden hat, im Gegenteil nach der Niederlage von den schuldigen Staatsmännern und Militärs mit vermehrtem Eifer fortgesetzt wird und die auch nach den Absichten ihrer Urheber kein Ende hätten finden sollen und so bald keines gefunden hätte, wenn nicht ein unerwartetes Ereignis, überraschender noch als alle sonstigen Überraschungen dieses Krieges, als Niederlage und Revolution, unvorhergesehener als alles andere dazwischen getreten wäre: die nach langem Sträuben und Zögern unter dem Druck der öffentlichen Meinung der ganzen Welt erfolgte Veröffentlichung der geheimen Akten der Staatsarchive von Berlin und Wien.

[V. Das Ende der Kriegslügen]

Warum haben die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung nicht gleich der englischen, französischen, russischen, belgischen, italienischen, serbischen sofort im Anfang des Krieges ihre Akten über dessen Vorgeschichte in einer einigermaßen vollständigen Sammlung veröffentlicht? Weil sie ihr Skelett im Hause kannten, und das waren ihre eigenen Geheimakten, weil sie wußten, was in diesen Akten stand, weil ihr schlechtes Gewissen ihnen verbot, die Welt Einblick in diese ihre Akten nehmen zu lassen. Deswegen war das Wort in der Thronrede Wilhelms II. vom 4. August 1914, die seine und überhaupt die letzte deutsche Thronrede werden sollte, in dieser Lügen-Thronrede, das Wort von der „aufgezwungenen Notwehr“, dem „reinen Gewissen“ und der „reinen Hand“, die erste und die fundamentale Geschichtsfälschung in diesem Kriege. Ihr reines Gewissen war eine Lüge, und auf der Lüge beruhte ihr reines Gewissen. Mit schlechtem Gewissen und unsauberer Hand sind Wilhelm II. und seine Berater in diesen Krieg eingetreten, der ihnen nicht aufgedrungen, nicht eine Handlung der Notwehr war, sondern ein Präventivkrieg, durch den die militärischen Gelegenheitsmacher vom Großen Generalstab die ihres Erachtens militärisch günstige Lage ausnützen wollten. Das mußte schon während des Krieges jedem unbefangenen kritischen Beobachter klar werden, heute steht es aktenmäßig fest. Damit ist auch der Feldzug der Geschichtslügen, der am 4. August vom Kaiser in seiner Thronrede eingeleitet und von seinen Ministern bis lange nach dem Kriege, noch in ihren Memoirenbüchern, fortgesetzt worden ist, zu einem endgültigen Abschluß gelangt, der von gleicher Art ist wie der des Krieges selbst: Wilhelm II. und sein Regime haben diesen Krieg der Geister ebenso verloren wie den der Kanonen. Sie sind geistig geschlagen, nicht von den Feinden, deren Aktensammlungen wir hier absichtlich außer Betracht gelassen haben, sondern durch ihre eigenen Akten, durch ihre geheimen Selbstbekenntnisse, durch ein argumentum ad hominem, gegen das sie keinen Widerspruch erheben können. Sie haben sich selbst moralisch gerichtet, sie haben sich selbst überführt. Zwischen ihren Behauptungen und denen der feindlichen Staatsmänner hatten bisher unüberbrückbare Widersprüche geklafft, und aus diesen hatte sich eine Zweiteilung der geschichtlichen Wahrheit über den Ursprung des Krieges ergeben; ebenso unverbrüchlich wie das deutsche Volk an die ihm von seinen Staatsmännern gebotene Darstellung, glaubten die Völker der Entente und mit ihnen die meisten Neutralen an die der Entente-Staatsmänner, jeder von beiden Teilen beschuldigte den anderen der Lüge und Fälschung, und es gab kein anerkanntes Kriterium der Wahrheit. Mit der von den alten deutschen Staatsmännern nicht vorhergesehenen Veröffentlichung der deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch und der österreichischen Rotbücher ist dieses Kriterium nun plötzlich gegeben, und die deutschen Staatsmänner sind mit ihren voreiligen Memoirenbüchern auf der Lüge ertappt. Die Aktensammlungen der Mittelmächte und die der Feinde stimmen in der Darstellung der Haupt-Tatsachen miteinander überein, die Kluft zwischen der Auffassung hüben und drüben hat sich geschlossen, über die Vorgeschichte des Weltkrieges existiert nur mehr eine Wahrheit, die von Freund wie Feind aktenmäßig bezeugt wird.

Das ist gut und recht so. Welch schneidender Widerspruch hätte in jedem Menschenfreund jeden Glauben an die Menschheit, jede Hoffnung auf die Kraft der Wahrheit und Gerechtigkeit vernichten müssen, wenn die Geschichtslügen der Wilhelm II., v. Bethmann, v. Jagow, v. Tirpitz, Helfferich und wie sie alle ihre unzählbaren Mithelfer heißen, unwiderlegt geblieben wären, wenn es den Geschichtslügnern gelungen wäre, die Geschichte zu fälschen und die Legende aufrecht zu erhalten, daß in diesem größten aller Kriege die Wahrheit und Gerechtigkeit, das gute Gewissen und die reine Hand von dunklen Übermächten besiegt, zerschlagen, vernichtet worden sind! Welch unüberbrückbarer Zwiespalt hätte sich unter den Völkern eröffnet, wenn es dauernd zwei Wahrheiten über diesen Krieg, zwei gegeneinander streitende Geschichtsdarstellungen gegeben hätte, wie die Geschichtslügner es wollten! Welche Mutlosigkeit hätte sich aller guten Geister bemächtigt, wenn sie hätten erkennen müssen, daß die Menschen sich nicht einmal über eine Reihe von so groben, greifbaren Tatsachen verständigen und einigen können, wie es die der Vorgeschichte des Krieges sind! Wäre die doppelte Geschichtsschreibung, die Geschichtsschreibung der Zentralmächte und die der Ententemächte, nicht eine geistige Fortsetzung dieses grauenvollen Krieges bis ans Ende geworden, hätte sie nicht Deutschland, als die einzige Überlebende der Zentralmächte, auf immer geistig von der übrigen Welt abgetrennt, zu ihr in einen unheilvollen Gegensatz gebracht? Hätte sie nicht zum physischen und wirtschaftlichen Ruin, den dieser Krieg über die Menschheit verhängt hat, auch noch die Zermürbung der menschlichen Intelligenz gefügt, die Auflösung des Grundbegriffs alles menschlichen Denkens, des Glaubens an eine einzige, allen Menschen gemeinsame Erkenntnisfähigkeit, des Glaubens an die Wahrheit?

Deswegen ist die Veröffentlichung der deutschen und österreichischen Kriegsdokumente eine erlösende Tat, die allein schon die Revolution rechtfertigen könnte, ohne die sie gewiß nicht möglich gewesen wäre, — rechtfertigen könnte oder, besser gesagt, rechtfertigen wird, wenn das deutsche Volk diese nicht ganz freiwillige und zweifelfreie Tat seiner Regierung zu seiner eigenen macht, wenn es die Dokumente, die da aus dem Staub der Archive ans Licht des Tages gehoben worden sind, nicht unbenützt in den Bibliotheken modern und wieder zu Staub werden läßt. Sache des deutschen Volkes ist es, sich den die Menschheit versöhnenden Inhalt dieser Dokumente zu eigen zu machen, ihn in das allgemeine Bewußtsein aufzunehmen! Damit gewinnt das deutsche Volk eine mit seinen Kriegsfeinden gemeinsame moralische Überzeugung über die Entstehung des Krieges, es überbrückt die von seinen Kriegsmachern geschaffenen und vertieften Gegensätze zwischen sich und den anderen Völkern und schließt so mit einem neuen festen Kitt den Ring der Kulturnationen wieder zusammen, der durch den Weltkrieg gesprengt worden ist. Das ist die hohe Aufgabe, die dem deutschen Volke erwächst. Es wird sie nur dann erfüllen können, wenn seine geistigen Führer, seine Geschichtsforscher, Politiker, Lehrer, Schriftsteller sie richtig erkennen und das ihrige dazu tun, wenn sie den Schatz von geschichtlicher Wahrheit und Gerechtigkeit, der in diesen amtlichen deutschen Dokumenten steckt, durch vielfache, dem Verständnis aller Volkskreise angepaßte Darstellungen den weitesten Schichten des deutschen Volkes zugänglich zu machen sich bemühen werden. Zu diesem großen Werk der Völkeraufklärung und Völkerverständigung, das nun anheben möge, soll diese Schrift in ihrer Art ein kleiner Beitrag sein.