Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde später vernehmlich „Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch hinter den Haselbüschen trat, fand sie die beiden Hand in Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte sie „immer” dazugesetzt, wie Schwester Käthe.
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Kissingen, den .. Juli 19..
Meine liebe kleine Elli!
Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure Übersiedlung nach der Sägemühle gemeldet. Papa ist schon ganz ungehalten, daß er keinen Brief bekommen hat, und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten Ausfälle, wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich böse.
Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das großartige, wirklich internationale Badeleben. Wenn man den rechten Blick für Menschen hat, kann man hier seine Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben Jahr. Die „große Welt”, die uns auf Schritt und Tritt umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmählich gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man — im Bad, am Brunnen, bei den Konzerten —, Du kannst Dir keine Vorstellung machen, Kleinchen, wie tipp-topp! Man will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich: Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus! Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen, die wirklich fein — ich meine, geistig und seelisch bedeutend sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe regelmäßig und viel in mein Tagebuch und wundre mich oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst — versteht sich mit Auswahl — daraus vorgelesen bekommen.
Was treibt Ihr denn auf der Mühle?
Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, handarbeitet im Garten, liegt in der Hängematte im Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter ist als Ihr, hat kürzlich ein Buch von Zola (!) gelesen, das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, gründlich mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.
Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser letztes Gespräch auf dem Weinberg durchgedacht und wäre zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen, wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht böse, daß sie's nicht gleich konnte!