„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich könnte —”
„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel —”
„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” — schon fuhr die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch nach außen — „ich komme, um als Vizevormund im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern — Sie!”
„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen —”
„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen Töchter etwas anders vorgestellt haben — aber für alle Teile war die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.
Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.
Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle.
Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie zu heimlichen Banketten einlädt” — während dieses der Wahrheit nicht zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.
Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter auf, daß Marga und Perthes sich absonderten.
Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle, der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen.