Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen, führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in den ersten Stock.
Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und drückend.
Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum. Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige, steife Lehnstühle — lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke — waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war — fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes stand — in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses Arbeitszimmers.
So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar.
„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht, sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten. Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand — eine Hand, so weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben.
Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen, der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein bücherreiches Regal im Rücken hatte.
Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”
„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann, sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.
Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen Ausdruck an die von Alice.
Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten, die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. — Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem Boden weilen?”