Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt. Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.
Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog.
Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete, seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand?
Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ...
Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.
Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber. Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen.
Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes übrig, als anzunehmen.
An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu kommen.
Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand herumzulangweilen!
Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das grelle Licht abhob.