Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.
„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So — verzeih! — so überspannt empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen.
„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor.
Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal — oder war es nicht das erstemal? — an die Grenze seines Glücks. Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen, erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen — Licht, Lust, Wonne, Kleines wie Großes — was sie begehrte! Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!
Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft — dann mit vollen Zügen. Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte. Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fühlen — heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.
[9]
Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.
Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.
Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik überspringen.