Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.
Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen und Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten Laube nahm er eine Wolke blühenden Duftes und hauchte sie über Marga aus. Hoch und höher stieg sie; kaum daß sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die Steige. Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, klomm sie empor.
Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.
Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten herauf, aus der Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo draußen ferne Tannensäume starrten und der Fluß zwischen jungen Feldern sich verlor, in Margas Träumen so schön wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie herab, aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo die Sterne blitzen mußten, nein blitzten — ein einziges, ewiges, königliches Gewirk von leuchtendem Gold und seliger Bläue. Weit, weit breitete sie die Arme aus, als könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. Aus der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann schlang sie die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; so frei fühlte sie sich, so klar, so in sich selber und in der Nacht geborgen.
[2]
Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als sonst zu verlassen. Professor Hammann, der Chef, war den ganzen Tag nicht erschienen. Er war über Sonnabend und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden Assistenten en passant seine „Dienstreise” anzukündigen.
Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen in seiner Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und ohne tiefere Neigung zu seiner Wissenschaft, trieb er seine Bakteriologie bestenfalls wie einen Sport unter den andern. Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er war die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte sicher sein, daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer Regatta, einem Tennis- oder Hockeymatch galt, bei dem er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! Die Bazillen nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf hergestellt: die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener Selbstironie im vertrauten Kreise zu sagen pflegte. Das Weitere besorgten die Assistenten unter seinem Namen.
Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich nach fünf Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem Stuhl und las seine Berliner Zeitung. Bisweilen schielte er über das Blatt weg nach seinem Kollegen, der noch immer mikroskopierte, und stellte psychologische Zwischenbetrachtungen an.
Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! Markwaldt bildete sich ein, Menschenkenner von Beruf zu sein — er beurteilte seine Fähigkeit nach der Fixigkeit seines Urteils —, aber dieser Junge, dieser Perthes, trotzte nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt zweiter Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. Drei Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß sich in irgendeine Sache und schien darüber Himmel und Erde zu vergessen. Der Junge war ein Streber, ein ganz gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, bis die drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage war derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast nur gastweise im Institut; er sprach von seiner Wissenschaft in den geringschätzigsten Ausdrücken, spielte sich als Naturmensch und Krafthuber auf, der in Wald und Feld herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise überhaupt vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: der Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu etwas bringen konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. Bis das Wetter von neuem umschlug und der Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem Chamäleon mochte ein anderer klug werden!