Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß den weißen Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit dem schon bekannten Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. „Gehen wir?” fragte er mit knappem Ton, schon halb in der Tür.

„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die Zeitung in die Tasche.

Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, der aus seiner Stube im Erdgeschoß getrommelt wurde, verließen die beiden Assistenten das Haus und schlenderten, die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend, durch die Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.

Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, schlank, brünett, überragte den rundlichen, weißblonden Markwaldt um fast zwei Haupteslängen. Auch wenn er, wie jetzt, langsam ging, war er mindestens um einen Schritt dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht aufgesetzt. Lässig schlenkerte er ihn in der Linken. Den Kopf mit dem dichten, dunklen, verworrenen Haar, den buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart neigte er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als hörte er dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen Augen geradeaus ins Weite gerichtet und verrieten das Gegenteil.

Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, das „große Tier” der Fakultät, die weitberühmte chirurgische Exzellenz, im vorigen Sommer gegeben hatte. „Sie müssen dort Besuch machen, Kollege! Unbedingt. Das einzige Haus großen Stils in unserem gottbegnadeten Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig höheren Töchtern tothupsen muß. Und dann — Alli! Pardon, Alice!” Er schnalzte statt aller Charakteristik mit der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon — Fräulein Exzellenz, was?”

Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine Ahnung,” antwortete er zerstreut.

„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker gehen, Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb stehen und klopfte empört mit dem Stock auf den Boden, daß seine kuglige Figur, die so prall in dem blauen Anzug mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung geriet. Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf und stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter das andere. Er zwang so Perthes, stehenzubleiben und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht man doch nicht — die einzige schicke Erscheinung im ganzen Nest! Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon kennt?”

Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt langweilte ihn. Er wollte weiter, aber sein Partner blieb unerbittlich stehen, wo er stand, und redete drauflos.

„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! Zu gar nichts. Und Sie wollen akademisch werden?! Die Mädels sind ja doch die Hauptsache, sag' ich Ihnen. Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie Gott-Vater, in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und was Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß das richtige Mädel, und wuppdich — sie senkt sich, daß die Professorenperücken und Ihre Wissenschaft an die Decke fliegen. So liegt die Chose!”

Jetzt mußte Perthes — unter der Wucht solcher Anschaulichkeit — wohl oder übel lachen. Seine starken weißen Zähne leuchteten aus dem dunklen Barthaar. „Das ist doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,” meinte er leichthin.