„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? Sie, o Sie — verzeihen Sie! — Sie unglaublicher Embryo! Die ewige Schule ist das!” Er mußte sich jetzt entschließen, dem weiterschreitenden Perthes zu folgen. „Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie bei Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters her. Fragen Sie den Chef!”

„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe unfreundlicher Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine Freiheit bewirkte bei ihm alles andere eher als Nachgiebigkeit.

„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, doch immerhin so vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei nur ahnen konnte. Ihm konnte es ja schließlich egal sein, wie Perthes die Sache angriff. So harmlos er sonst war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter, desto besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. Schon strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten Jungen, der er war, den kurzgeschnittenen dürftigen Schnurrbart und pfiff durch die roten Lippen. An der Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte, verabschiedete er sich.

„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte Markwaldt.

„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.

„Na, denn — auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt seinem Stammcafé zu, wo er die Zeit bis zum Abendessen mit Billardspielen totschlagen wollte.

Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. Die Allee wurde dort belebter. Alte Leute saßen auf den Bänken in der Sonne, die in ihrem sachten Niedergang seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder häufelten Sand und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell dahin. Die Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen Trikotanzügen hoben sich grell ab von dem dunkelgrünen Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie nach dem lauten, mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung lief der Leiter des Klubs, ein jugendfroher Gymnasialprofessor, mit einer mächtigen Schalltube. Er begleitete das Boot und rief seine Kritik durch den Trichter dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein leidenschaftlicher Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse nach. Dann ging er über die Straße nach seiner nahen Wohnung und stieg lässig die Treppe hinauf.

Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick auf den Fluß und die gegenüberliegenden Waldberge war sein Quartier. Ein kleiner Alkoven stieß daran. Eine Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und sauber war alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.

Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch lag eine Drucksache. Er riß sie auf und warf sie beiseite. Ein medizinischer Katalog, weiter nichts.

Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und starrte hinüber nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern in der Neustadt drüben schien er ein bestimmtes zu fixieren. Dann drehte er sich schroff zurück ins Zimmer. Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal neben dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte über Rinder- und Bubonenpest in Indien” neben Richard Wagners Werken; einige Bände der „Medizinischen Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola; ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys Krebsforschungen nachbarlich beieinander. Nichts aus der bunten Reihe lockte ihn. Mit leeren Händen setzte er sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.