Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor Markwaldt sich seinen Kollegen Max Perthes dachte, war er wahrhaftig nicht. Er gehörte nur zu den Naturen, die länger und mühevoller als andere nach einem Ausgleich ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher verschärft als mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen Geschlecht wackerer, nüchterner Landärzte in der Pfalz stammend, mütterlicherseits der Abkömmling einer einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein, hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit einem beinahe fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften gestürzt. Auf Chemie und Physik, auf Botanik, Zoologie und Physiologie hatte er sich wahllos neben- und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte sich sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu durchdringen. Dann trat jäh und heftig die Übersättigung ein. Es war, als trete sein Herz beiseite und lehne sich auf gegen die trockene und einseitige Arbeit des Kopfes, die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit einem herzhaften Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen und seinen ererbten Anlagen mehr entsprechen, als die bloß beschreibende Erforschung der Natur. Mit fünfundzwanzig Jahren machte er sein Examen und baute bald darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung war es auch schon zu Ende. Dieselbe Jagd, in der ein unstetes Herz den Kopf von einem Gegenstand zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde über. Die praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, so unfruchtbar. Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig verfügen konnte, zehrte sich in diesem Hin und Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den moralischen und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. In der unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet festzufahren, hatte er die Assistentenstelle am Bakteriologischen Institut übernommen. Hier wollte er aushalten und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen um jeden Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine Arbeiten nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, reichten seine Mittel aus, um sich zu einer Professur durchzuschlagen.

Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen Hände mit den Fingern ineinander und spannte sie vor der Stirn, daß sie in den Gelenken knackten. So viel Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr über seinen Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen diese Erkenntnis. Wo hinaus wollte er? Wo gab es noch eine geistige Aufgabe, die er an sich reißen konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm wuchsen und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, die ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, als eine einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh in der Pflege und Ausbildung seiner körperlichen Kräfte ein Gegengewicht gegen die innere Unausgeglichenheit gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er alles übertrieb, diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen Anfällen, in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen solche Radikalkuren immer weniger. Seine Entwicklung drängte ziemlich spät, aber unfehlbar auf eine Entscheidung, die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im wirklichen Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf kam es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich befriedigende Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; ein unterdrücktes, vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben verlangte sein Recht gegen die nüchterne, materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, ohne sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem Kampfe, der über den vollen Menschen, seinen Charakter und sein Schicksal entschied. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses von außen, und er mußte zum Ausbruch kommen.

Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder nach dem Landhaus aus rotem Sandstein, jenseits des Flusses, das er zuvor fixiert hatte. Eigentlich hatte er die Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn Tagen — oder war es so lange noch nicht? — war er am Abend, als er nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten gegangen, um etwas Musik zu hören und Menschen zu sehen. Es war Sonntag und sommerlich warm. Zwei-, dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich da im Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von geputzten jungen Mädchen aus der Bürgerschaft und von buntbemützten Studenten im Kreise mit- und gegeneinander. Die Pärchen suchten und fanden sich in einem Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit feierlich-ernstem Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen und flirtend begleitet.

Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald langweilte es ihn, und er setzte sich vor den Musikpavillon, wo die Stadtkapelle, ein leidlich braves Orchester, in Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen sich und anderen gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen starrte, traf sich sein Blick zufällig mit dem eines jungen Mädchens, das im Gespräch mit einem Burschenschafter, einem kecken, welterobernden Frankonenfuchs, vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den seinen. Ohne daß er sich etwas dabei dachte, wiederholte sich dies flüchtige Blickspiel ein zweites und drittes Mal. In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem offenen, auf die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine, halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, poetischem Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm nicht am Vormittag darauf, mit dem Marktkorb unter dem Arm, begegnet wäre, als er zum Institut ging. Sie trug die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und geradeausblickend an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden Tages sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. Einer scherzhaften Anwandlung nachgebend, folgte er ihr über die Neue Brücke und entdeckte ihre Wohnung. An einem der nächsten Abende ging er — es war dies einer seiner regelmäßigen Spaziergänge — am jenseitigen Ufer spazieren. Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. Perthes liebte es, die Sonne über dem Fluß untergehen zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer angenehmen Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit, als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie heruntersah. Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb begegnet. Sehr würdig und ernst. Kaum daß ihn die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie verlor zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach sie an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte begleitete. Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. Einige belanglose Redensarten wurden ausgetauscht. Sie sprach mit einer allerliebsten Mischung von Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine liebenswürdige Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer Erinnerung aus und mochte sie wiedersehen. Heute, am frühen Morgen, als er zwischen Veranda und Zimmer unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er sich zum erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus zwischen den alten und neuen Giebeln jenseits des Flusses suchte und fand. Jetzt kam er sich albern vor. Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von nun an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen zu sehen.

Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, schien ihm der heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche Gewohnheit zu verzichten, noch lächerlicher als die ganze Geschichte. Das Weibliche hatte in seinem Leben stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von Frauen kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle Empfindsamkeit so gegen eine seelische Überschätzung des Weibes. So wollte er es wenigstens. Warum sollte er es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen Spielerei versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen konnte — morgen, übermorgen so gut wie heute? War er nicht schon schwerlebig genug? Das fehlte noch, daß er spröde mit sich tat wie eine alte Jungfer!

Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem Rohrsessel auf, setzte den Hut auf und war wieder auf der Straße.

Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.

Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der Ebene fuhr, rollte lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende Spaziergänger, verspätete Arbeiter, Kinderwagen, eine auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte, drängten an ihm vorbei.

Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen konnte, die nach der stilleren Uferstraße führte.

Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen Rasenanlagen hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs vorbei. Es war schon geschlossen. Die Wiese zwischen der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute schon verödet. Keine Menschenseele begegnete ihm. Die Villen zur Rechten schienen wie ausgestorben.