Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen den Bäumen durch konnte er auf Erker und Balkon des Landhauses sehen. Sein „Ufermädchen”, wie er sie hieß, saß nicht da, nicht dort.
Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, wo die Anlagen und die Villenstraße aufhörten und die Obstgärten anfingen. Er bog nach der Wiese hin ab und näherte sich dem Wasser.
Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus auf den Fluß, der seine Wellen in die Ebene wälzte. Die Sonne stand, eine feurige Kugel, darüber, umglüht von violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.
Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. Er fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer vor als sonst. Kein Zweifel: es war, weil er Hilde König, das kleine Mädel mit den losen Haaren und den lockenden blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie läppisch das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.
Verdrießlich trat er den Rückweg an.
In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. Die Luft war voll von dem frischen Geruch des genetzten Grases. Die Stadt, die jetzt rechts vor ihm lag, schmiegte sich im matten, rötlichen Licht der versagenden Sonnenstrahlen mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen friedlich gegen die verschwimmenden Berge. Von einer der Kirchen klang die Abendglocke herüber.
Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, blieb leer.
In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten die Allee herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. Er meinte in der einen von ihnen Hilde König zu erkennen. Es war eine Täuschung. Unweit von ihm, bei einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden Mädchen eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen Landhaus; das zurückbleibende setzte sich, offenbar um zu warten, auf die Bank. Sie trug unter dem leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse zum dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen englischen Strohhut mit schwarzem Band.
Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem flüchtigen Blick streifte er das Gesicht der Wartenden.
Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte ihn plötzlich, als wäre er diesen zarten und doch festen, ausdrucksvollen Zügen schon irgendwo und irgendwann begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen aufs Knie und den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf den Handrücken gestützt. Die Augen, erst zur Erde gesenkt, sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein Schritt innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er erkannte jetzt das mattfarbene Gesicht mit den etwas knochigen Wangen, die runde, ebenmäßige Stirn, über die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit einer aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, es mußte Marga Richthoff sein.