Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können. Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.

Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden Händen balancierte.

Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”

Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.

Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.

Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der Strebekunst!

Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er den nicht zur Hand hatte!

Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche Liebenswürdigkeit —”

„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht antraf!”

„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite —”