Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen — es konnten sechs oder mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige — waren völlig sagenhaft.
Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue. Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis: Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte. Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden erwartet.
Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel Bernhard ist?” forschte er in der Runde.
„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.
„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem Schweigen.
„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele, Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.”
„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?”
„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt euch ein.”
„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen — uns? Für wann?” Es war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu können.
„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig.