Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen, „Flanellstorch” genannt.
Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe, um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was, zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.
Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart aufscheuchen würde. Aber trotzdem — oder gerade deshalb? — warteten diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen, krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen. Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.
Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die Fakultätsgenossen — alle waren bestürzt und schlugen die Hände zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen, verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht zu nahetreten.
Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am Wenzelsberg drückte und freudlos machte?
Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält. Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers. Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können, sie litte nicht einmal. Und doch — oder gerade deshalb — strömte eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas große Stille zur großen Leere geworden.
Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige, der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.
Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.
Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden, der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte.
Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.