Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, ein Automobil, Dienerschaft — kurzum, Luxus war mindestens ebenso schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.

Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen oder besser der Gräfin Hüningen.

Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten. Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die „Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.

Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen. Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen. Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage, die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit, mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen.

Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.

Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff. Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.

Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher auszufragen.

Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen Entschuldigung.

Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten Weg zur Inneren Klinik.

Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden. Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.