An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er, daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet hätte.
Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.
Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich, auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte. Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.
In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben, beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes kleines Vermögen — daraus hatte er nie ein Hehl gemacht — war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes, so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen. Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa kaufen?
Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend. Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch ungern, sich schließlich zufrieden geben.
Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach köstliche Feiertage ...
Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.
Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte — um Hammann bei seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte —, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand, ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut.
Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht, sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...
Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag rauschte vorbei: rührend in der Kirche — denn man hielt auf religiösen Anstand —, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.