In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.
Im Februar kamen sie zurück.
Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing.
Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer.
Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen — nun die Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag.
Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten aus längst vergangener Zeit.
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Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein Haus locken können — wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher Feuereifer ...
Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes, seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden; es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen, lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden bereitet ...