Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule. Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam, wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte.

Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die Überführung Margas nach dem Wenzelsberg.

Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen „Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen vollziehen.

Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.

Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen Stimme.

Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre, wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas Wangen sehr gravierend beteiligt war.

„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich, es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte, gedruckt zu werden ...

Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs „Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an. Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte” seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden.

Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt. Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere — war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren Schauens und Erlebens — all das regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine neue Saat für eine neue Seele ...

Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung.