Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit — das wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit, sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit a, b und c entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu überlegen.
Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat — in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form um seine älteste Tochter an.
Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß, als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte. Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und der alte Herr gab seinen Segen.
Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.
Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte.
Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser, genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme, um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören. Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ...
Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen sollten ...
Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche, unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.
Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der Lebensweise gebotener als Veränderung.
Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht. Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.