Das Semester begann.
Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die die Regel bestätigt ...
Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen. Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken. Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen, rosablühenden Rosen.
Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen lächelnden Gruß.
Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie einen Schild vor sich hertragend.
Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.
Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können. Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff, um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Körper sank gegen die Lehne.
„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit zunehmendem Schreck.
Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an.
Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute, hilfeheischende Worte.