„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!” schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.
Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem Bekenntnisse — — Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns umzukleiden ...
Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten, die dem Eintritt in den Lehrkörper der Alma mater notwendig vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise einzuschränken.
Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen.
Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der Geselligkeit auszuweichen begänne — seine wissenschaftlichen Gründe dafür schien sie zu würdigen —, würde auch sie allmählich ganz naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen.
Doch darin hatte er sich getäuscht.
Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu bestehen.
Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen Professor zu hören.
Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein Fieber erregten.
Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.