Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.

Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben: der Philister in ihm — den sie als Mädchen schon gewittert, aber nun gebannt glaubte — dieser Philister hatte hinter ihm hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie sich bedanken!

Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu mißdeutenden Richtung ...


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Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.

Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu müssen — er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das — und sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.

Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten.

Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.

Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.