Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.
Aber Marga und Elli?
Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden, war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.
Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot.
Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden konnte.
Eines Abends vor dem Schlafengehen — es waren schon Wochen vergangen, Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum Verkauf ausgeschrieben — erklärte Elli mit einem komischen Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!”
„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja —” sie stockte und überlegte.
„Was könnten wir?” forschte Elli.
„Nun, ich dachte — aber es wird auch nicht gehen — wenn wir einen Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so gut darüber ein ...
Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen, aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus, sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte, versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.