Und sie hielt Wort.

Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste Gestalt sah.

Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?

Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau — die stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert — nach herzlichem Abschied noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre. Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern.

Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten, jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort, was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt.

Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige Garten und der einsame Kiefernwald — das war eine in sich ruhende, natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg.

Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren. Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast. Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein Recht verschaffen können — jetzt entwickelte er sich und streifte ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger — um einen hellen, leichten, lachenden Ton.

Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und Elli in Käthes jungem Heim wieder.

Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins neue Jahr hinüber.

Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude, daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in einer Gartenstraße — dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum — alles nicht großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte.