Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete; er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”, die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit platzten”, wie Elli sich ausdrückte.
Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus- und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab eine närrische Freude, als — auf einen Tag, wie es das Glück immer macht — drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens, fünf Mädels, und konnte anfangen.
Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam.
Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein Steckenpferd bei sich behalten konnte.
Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen, fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen und zu weinen — in ein und demselben Atemzug.
Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.
„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte — die erzählte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen, als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden.
Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach, machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich, daß er sein Enkelbübchen — den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet hatte — nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.
Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf. Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten, schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden — ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen, Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.