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Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar Stunden hinaus.

Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei. Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum halten.

So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.

Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des letzten Vierteljahrs zu begleichen.

In dem Modeladen, dem sein Gang galt — es war das erste Sport- und Toilettengeschäft der Stadt — erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.

Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt, schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn? Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.

Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.

Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es fortan — aber natürlich war es so — nur das Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu werden!

Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe ...