Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht und Arbeitslust.

Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.

Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug, wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen „ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.

Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.

Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.

Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das Licht der Welt.

Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr. Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.

Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.

Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.

„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht verstanden. „Hast du einen Wunsch?”