Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.
„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und überzeugt hervor.
Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging auf den Fußspitzen aus der Stube.
Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.
Das war also alles, was Alice empfand!
Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort für das Kind, kein Wort für ihn.
Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als Mutter — eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten, fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück. Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder ...
Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.
Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben worden. Unter dem Weihnachtsbaum — er hatte Alice überreich und zartsinnig beschenkt — erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.
Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken zu reichen ...