Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.

Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast bösartig.

„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn „gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.

Die Audienz war beendet.

Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören, die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen? Er — der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte es. Jahraus, jahrein besser — und für ein ganzes Leben, wenn es sein sollte.

Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.

Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...


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Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.