Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene, aber für sie so wichtige Werk war gelungen.

Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr denken.

Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte begriffen, daß jene Liebe — die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das sie ihr bereitet — für sie ein Stück notwendiger Entwicklung hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach der entgegengesetzten Seite führte.

Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.

Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge, die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge, die nicht bis in ihre große Stille drangen. —

Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen, daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und dauerndes war.

Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten. Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen.

Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und ging nach vorn.

Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen.

„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen — er wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein.