Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen, besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein, einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit so en passant mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden Augen ...

„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,” erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber Platz genommen.

„Wieso?” fragte Alice.

„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen, daß es beim besten Willen nicht gehen wird.”

„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.

Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut, den sie empfand.

„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.

Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt: „Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!”

Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.

„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie, bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen.