Dem Andenken meiner Hanna

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Da klingelte es schon wieder.

Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe gleich gar nicht verlassen. Elli stürmte mit lachender Neugier aus der Stube und bog sich so weit über das Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester sie leise schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und man gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, obwohl die größere von beiden, so nicht auf ihre Kosten kam. Und der neue Ankömmling für Papas Sprechstunde mußte doch ganz genau gemustert werden. Das war so Brauch, so oft ein neues Semester begann und die Hörer einer nach dem andern anrückten, um sich den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch schreiben zu lassen.

Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben, das ihr und Ellis Mädchenreich war. Aber auch in ihren Fingern ruhte für einen Augenblick die feine Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie hinaus nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen Stille war jedes Geräusch zu hören.

Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese, die mit Brummen an die Glastür schlürfte und öffnete. Elli polterte in der Spannung einige Stufen hinunter. Ein zürnendes „Bst!” von Käthe wies sie zurecht.

Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke suchten die Tür. Sie ließ sich von der Spannung anstecken, als könnten die lichtlosen blauen Augen das unerbittliche Dunkel durchdringen, das sie inmitten der sonnigen Stube einhüllte.

Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein.

Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttäuschung fuhr Elli zurück und glitt von der Treppe ins Zimmer. „Nu mach' ich nicht mehr mit!” ließ sie sich halb traurig, halb zornig vernehmen, während sie sich in dem roten Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend zurückwarf.