„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga freimütig. Mit anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre innere Erregung nachklang, hängte sie sich an den Arm der Schwester. „Er war reizend. Ganz der alte.”

„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”

„Natürlich! Warum auch nicht?”

Sie gingen langsam die Allee hinunter.

„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd fort. „Eine Dame — auf offener Straße —”

„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er stocksteif vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. Sie war beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis und wollte sich nicht auf solche gesellschaftliche Haarspaltereien einlassen, die ihr ein unverständlicher Greuel waren.

Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes Gewissen Margas leichtere Auffassung nicht guthieß.

Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu dämmern. Die roten Wolken über dem Fluß verblaßten, und der Ostwind blies aus den Bergen nach der Ebene. Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten, mußten sie ihre Schritte beschleunigen.

Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit ihren leichten, glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht mitkommen. Sie fühlte sich unwillkürlich und unbewußt gereizt. Ob sie wollte oder nicht: sie mußte ein wenig Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt du,” begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” — Lizzie war die Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine Minute eingeschaut hatte, um Noten zurückzubringen — „daß dein Doktor Perthes Abend für Abend dort herumspaziert.”

„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den Sonnenuntergängen über dem Wasser freuen,” meinte Marga lebhaft.